ATLAS DER SPRACHE

AT-103-024 · ATLAS 250

Tabuwandel

Veränderung von Wortgebrauch oder Wortschatz unter dem Einfluss gesellschaftlicher Meidung und Ersetzung.

Vertiefung

Wenn ein Ausdruck als verletzend, gefährlich, heilig oder unsagbar gilt, entstehen Umschreibungen und Ersatzwörter. Auch diese können später erneut tabuisiert werden.

Beispiel

Eine beschönigende Ersatzbezeichnung übernimmt mit der Zeit die negative Färbung des gemiedenen Ausdrucks.

Gegenbeispiel

Ein neutraler Bedeutungswandel ohne soziale Meidung ist kein Tabuwandel.

Abgrenzung

Vom Euphemismus als einzelner Ausdrucksstrategie unterscheiden; Tabuwandel beschreibt die historische Dynamik.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Macht sichtbar, wie soziale Haltungen Bedeutungen auf Wörter übertragen und Benennungen zyklisch erneuern.

Resonanz

Das Gemiedene bleibt im Ersatzwort als unsichtbarer Druck anwesend.

Etymologie

Tabu über englisch taboo aus polynesisch tapu ›abgesondert, verboten‹; Wandel bezeichnet die zeitliche Verschiebung sozialer Meidung.

Provenienz

Polynesische Entlehnung → europäische Ethnologie → Soziolinguistik von Euphemismus, Meidung und Bedeutungsverschiebung

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Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Tabuwandel“. Atlas der Sprache, AT-103-024. ATLAS 250, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-103-024

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-103-024

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