Vertiefung
Commiseratio ist nicht das Gefühl Mitleid selbst, sondern dessen rhetorische Hervorrufung, traditionell besonders in der Peroration. Sie führt Verletzlichkeit, Unglück und die gemeinsame Unsicherheit menschlicher Lage vor Augen. Ihre Wirkung kann Solidarität eröffnen, aber auch Leid instrumentalisieren oder sachliche Prüfung verdrängen.
Beispiel
Stellen Sie sich vor, ein seltenes Wort verschwindet nicht nur aus einem Register, sondern mit ihm auch der letzte dokumentierte Weg zu der Erfahrung, die es benannte.
Gegenbeispiel
Der Eintrag besitzt zwei Quellen und eine geprüfte Definition. – Das liefert Sachgründe, ruft aber kein Mitleid hervor.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Verschiebt Wahrnehmung von abstrakten Fällen auf verletzliche Personen und kann dadurch Wertungen und Entscheidungen neu gewichten.
Resonanz
Das Leiden einer einzelnen Stimme breitet sich in den Hörraum aus und sucht dort eine antwortende Empfindung.
Etymologie
lateinisch commiseratio · Mitleid, Erbarmen
Provenienz
Klassische Rhetorik → historische Handbücher und Primärtexte → Funktionsabgrenzung → ATLAS_206
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Commiseratio“. Atlas der Sprache, AT-RHE-206-004. ATLAS 250, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RHE-206-004Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Ein verifiziertes Änderungsdatum pro Eintrag liegt noch nicht vor. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.