Kontexterklärung · NAV-G03-010
Gespräch
Diese Erklärung erschließt den Begriff im folgenden Herkunftskontext. Sie ist kein zusätzliches kanonisches Atlasprofil.
Vertiefung
Ein Gespräch entsteht durch aufeinander bezogene Beiträge, deren Beteiligte fortlaufend deuten, was der jeweils andere tut. Fragen, Antworten, Pausen und Korrekturen gestalten dabei nicht nur Sachinformation, sondern auch Beziehungen. Im Atlas führt Gespräch jedoch aus zwei unterschiedlichen Herkunftsräumen hierher: Beziehungsarbeit betrifft kommunikative Praxis; Dialogismus kann ein Gespräch im Text inszenieren. Ein dargestellter Wortwechsel liefert nicht ohne Weiteres Belege für das Verhalten realer Beteiligter. Die Kontexterklärung hält daher die Interaktion und ihre literarische oder rhetorische Gestaltung auseinander.
Denkbewegung
1. Die Beteiligten beziehungsweise dargestellten Stimmen werden identifiziert. 2. Beiträge werden in ihrer Abfolge betrachtet. 3. Anschlüsse zeigen mögliche Deutungen. 4. Reale Interaktion und textuelle Inszenierung werden getrennt. 5. Aussagen über Beziehungen werden an konkreten Beiträgen geprüft.
Beispiel
Auf „Du bist früh“ kann „Soll ich wieder gehen?“ folgen. Der zweite Beitrag behandelt den ersten möglicherweise als Vorwurf, obwohl die erste Form auch neutral lesbar wäre.
Gegenprobe
Zwei nebeneinanderstehende Monologe bilden nicht schon ein wechselseitig organisiertes Gespräch.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Bei Aufnahmen sind sequenzielle Details relevant; bei Dialogismus zusätzlich Autorsteuerung und Darstellungsfunktion.
Wirkung
Gespräch zeigt Verständigung als zeitlichen Prozess mit veränderlichen Deutungen.
Resonanz
Jeder Beitrag hört den vorherigen mit und gibt ihm eine mögliche Richtung zurück.
Abgrenzung
Von bloßer Informationsübertragung, Konsens und der Transkription eines fiktiven Dialogs als Realbeleg unterscheiden.
Quellen
- Gideon O. Burton: Dialogismus
Definition and example, lines 7–10; decorum line 20
specified-passages-read - Stephen C. Levinson / Francisco Torreira: Timing in turn-taking and its implications for processing models of language (2015)
Sections 1–2 selected paragraphs and overlap/backchannel analysis, lines 576–599
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