ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G01-053 · ATLAS 259

Apophthegma

Ein Apophthegma ist ein knapper, pointierter Ausspruch, häufig einer erinnerungswürdigen Person oder Situation zugeordnet.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

E · Exemplarischer Fall R3 · Begründeter exemplarischer Fall

Apophthegma zeigt die Verbindung von knapper Pointe, erinnerter Person und Situation als konkrete Überlieferungsform. Ein beliebiger kurzer Satz besitzt diese Zuschreibung nicht automatisch.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein Apophthegma ist ein knapper, pointierter Ausspruch, häufig einer erinnerungswürdigen Person oder Situation zugeordnet. Die Traditionen verwenden den Namen nicht völlig einheitlich: Manche betonen die Sentenz, andere die kleine Szene, die sie trägt. Entscheidend ist hier die Verbindung von sprachlicher Verdichtung und zugeschriebener Sprecherautorität. Diese Zuschreibung ist selbst prüfbedürftig; ein gut erzählter Ausspruch ist nicht automatisch historisch authentisch. Die Nähe zur Chreia wird erläutert, ohne beide Gattungsbezeichnungen überall gleichzusetzen.

Denkbewegung

1. Den prägnanten Ausspruch isolieren. 2. Sprecherzuschreibung und Anlass erfassen. 3. Die Beziehung zwischen Situation und Pointe prüfen. 4. Überlieferung von historischer Authentizität unterscheiden. 5. Die verallgemeinernde Leistung des knappen Wortes beschreiben.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Editionsphilologie und Gattungsforschung können Varianten, Zuschreibungen, Sammlungskontexte und die Veränderung eines Ausspruchs in der Überlieferung untersuchen.

Beispiel

Erfundenes Beispiel: Auf die Frage, warum sie ihre Notizen aufbewahre, sagt eine alte Lehrerin: »Auch ein Irrtum verdient eine lesbare Handschrift.« Die Situation verleiht dem Satz Kontur.

Gegenbeispiel

Ein anonymer Merksatz ohne situativen oder personalen Bezug kann eine Sentenz sein; er ist damit nicht in jeder Gattungstradition bereits ein Apophthegma.

Abgrenzung

Von Sprichwort, Aphorismus, Sentenz und Chreia unterscheiden; die Grenzen sind traditionsabhängig. Das eigene Beispiel ist kein historisches Zitat.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Eine kurze Szene macht einen Gedanken erinnerbar und kann ihm geliehene Autorität verschaffen.

Resonanz

Eine Stimme scheint über den einzelnen Anlass hinaus hörbar zu bleiben, auch wenn ihre historische Herkunft unsicher ist.

Provenienz

Burtons Apothegm erläutert die prägnante, erinnerbare Äußerung. Die SAWS-Einführung zeigt wechselnde Beziehungen zwischen Apophthegma, Chreia und Gnome. Das Profil wahrt diese Überlieferungsunterschiede statt die Termini pauschal zusammenzulegen. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Apophthegma“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G01-053. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G01-053

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G01-053

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