Vertiefung
Ein Apophthegma ist ein knapper, pointierter Ausspruch, häufig einer erinnerungswürdigen Person oder Situation zugeordnet. Die Traditionen verwenden den Namen nicht völlig einheitlich: Manche betonen die Sentenz, andere die kleine Szene, die sie trägt. Entscheidend ist hier die Verbindung von sprachlicher Verdichtung und zugeschriebener Sprecherautorität. Diese Zuschreibung ist selbst prüfbedürftig; ein gut erzählter Ausspruch ist nicht automatisch historisch authentisch. Die Nähe zur Chreia wird erläutert, ohne beide Gattungsbezeichnungen überall gleichzusetzen.
Denkbewegung
1. Den prägnanten Ausspruch isolieren. 2. Sprecherzuschreibung und Anlass erfassen. 3. Die Beziehung zwischen Situation und Pointe prüfen. 4. Überlieferung von historischer Authentizität unterscheiden. 5. Die verallgemeinernde Leistung des knappen Wortes beschreiben.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Editionsphilologie und Gattungsforschung können Varianten, Zuschreibungen, Sammlungskontexte und die Veränderung eines Ausspruchs in der Überlieferung untersuchen.
Beispiel
Erfundenes Beispiel: Auf die Frage, warum sie ihre Notizen aufbewahre, sagt eine alte Lehrerin: »Auch ein Irrtum verdient eine lesbare Handschrift.« Die Situation verleiht dem Satz Kontur.
Gegenbeispiel
Ein anonymer Merksatz ohne situativen oder personalen Bezug kann eine Sentenz sein; er ist damit nicht in jeder Gattungstradition bereits ein Apophthegma.
Abgrenzung
Von Sprichwort, Aphorismus, Sentenz und Chreia unterscheiden; die Grenzen sind traditionsabhängig. Das eigene Beispiel ist kein historisches Zitat.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Eine kurze Szene macht einen Gedanken erinnerbar und kann ihm geliehene Autorität verschaffen.
Resonanz
Eine Stimme scheint über den einzelnen Anlass hinaus hörbar zu bleiben, auch wenn ihre historische Herkunft unsicher ist.
Provenienz
Burtons Apothegm erläutert die prägnante, erinnerbare Äußerung. Die SAWS-Einführung zeigt wechselnde Beziehungen zwischen Apophthegma, Chreia und Gnome. Das Profil wahrt diese Überlieferungsunterschiede statt die Termini pauschal zusammenzulegen. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Apophthegma“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G01-053. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G01-053Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.