Vertiefung
Kolon bezeichnet in der Rhetorik einen gegliederten Abschnitt eines Redeverlaufs, besonders innerhalb einer Periode. Seine Bestimmung kann syntaktische Gliederung, seinen Beitrag zum Sinnzusammenhang und rhythmische Gestaltung berücksichtigen. Ein Kolon muss nicht für sich abgeschlossen sein; in manchen rhetorischen Beschreibungen erhält es seine erforderliche Fortsetzung durch ein weiteres Kolon. Ein Kolon muss deshalb nicht mit einem orthografischen Satz zusammenfallen, und seine Grenze lässt sich nicht allein am heutigen Satzzeichen ablesen. Die genaue Abgrenzung gegenüber kleineren Abschnitten und vollständigen Perioden variiert mit der rhetorischen Tradition. Der Eintrag erschließt diese Gliederungsfunktion und kennzeichnet historische Detailfragen als vergleichsbedürftig. Die englische Bezeichnung colon wird ausdrücklich rhetorisch verwendet; weder das Satzzeichen noch der anatomische Begriff ist gemeint.
Denkbewegung
1. Eine Redepassage wird im Zusammenhang gelesen. 2. Mögliche Sinn- und Rhythmusabschnitte werden markiert. 3. Ihre syntaktische Gestalt wird geprüft. 4. Das Verhältnis zur gesamten Periode wird beschrieben. 5. Die verwendete rhetorische Konvention wird genannt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Historische Rhetorikanalyse kann Gliederungsvorschläge mit Vortrag, Syntax und den jeweiligen Fachdefinitionen vergleichen.
Beispiel
„Wenn der Wind nachlässt, wenn der Regen endet, werden wir aufbrechen“ lässt sich als Folge gegliederter Abschnitte untersuchen, ohne jeden Abschnitt zu einem eigenen Satz zu machen.
Gegenbeispiel
Ein Doppelpunkt im Druck beweist nicht, dass an dieser Stelle ein rhetorisches Kolon beginnt oder endet.
Abgrenzung
Rhetorisches Kolon von Satzzeichen, orthografischem Satz und anatomischer Bezeichnung unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Der Begriff erschließt die mittlere Ebene zwischen Einzelwort und umfassender Redebewegung.
Resonanz
Eine Rede gewinnt Gestalt durch Abschnitte, die tragen und weiterweisen.
Provenienz
Heinrich Lausberg: Handbook of Literary Rhetoric, English ed. 1998 erschließt für „Kolon“ den Bereich Colon, period, sound figures and rhetorical ordering; Richard A. Lanham: A Handlist of Rhetorical Terms, 2nd ed., 1991 setzt mit Colon, epithet, ordering figures and rhetorical consequence einen zweiten, abgrenzenden Schwerpunkt. Der Entwurf verwendet beide für den begrenzten Untersuchungsumfang „Rhythmisch-syntaktische Einheit rhetorischer Periodenbildung.“, ohne bibliographische Arbeitsangaben als neue Volltextlektüre auszugeben. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Kolon“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G03-035. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G03-035Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.