ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G03-035 · ATLAS 259

Kolon

Rhythmisch-syntaktische Einheit rhetorischer Periodenbildung.

Teil des Themenwegs Poetik, Narration und Darstellung

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Kolon ist nötig, um rhythmisch-syntaktische Glieder rhetorischer Perioden von einzelnen Wörtern zu unterscheiden. Der rhetorische Sinn muss gegen Satzzeichen und andere gleichnamige Fachbegriffe markiert werden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Kolon bezeichnet in der Rhetorik einen gegliederten Abschnitt eines Redeverlaufs, besonders innerhalb einer Periode. Seine Bestimmung kann syntaktische Gliederung, seinen Beitrag zum Sinnzusammenhang und rhythmische Gestaltung berücksichtigen. Ein Kolon muss nicht für sich abgeschlossen sein; in manchen rhetorischen Beschreibungen erhält es seine erforderliche Fortsetzung durch ein weiteres Kolon. Ein Kolon muss deshalb nicht mit einem orthografischen Satz zusammenfallen, und seine Grenze lässt sich nicht allein am heutigen Satzzeichen ablesen. Die genaue Abgrenzung gegenüber kleineren Abschnitten und vollständigen Perioden variiert mit der rhetorischen Tradition. Der Eintrag erschließt diese Gliederungsfunktion und kennzeichnet historische Detailfragen als vergleichsbedürftig. Die englische Bezeichnung colon wird ausdrücklich rhetorisch verwendet; weder das Satzzeichen noch der anatomische Begriff ist gemeint.

Denkbewegung

1. Eine Redepassage wird im Zusammenhang gelesen. 2. Mögliche Sinn- und Rhythmusabschnitte werden markiert. 3. Ihre syntaktische Gestalt wird geprüft. 4. Das Verhältnis zur gesamten Periode wird beschrieben. 5. Die verwendete rhetorische Konvention wird genannt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Historische Rhetorikanalyse kann Gliederungsvorschläge mit Vortrag, Syntax und den jeweiligen Fachdefinitionen vergleichen.

Beispiel

„Wenn der Wind nachlässt, wenn der Regen endet, werden wir aufbrechen“ lässt sich als Folge gegliederter Abschnitte untersuchen, ohne jeden Abschnitt zu einem eigenen Satz zu machen.

Gegenbeispiel

Ein Doppelpunkt im Druck beweist nicht, dass an dieser Stelle ein rhetorisches Kolon beginnt oder endet.

Abgrenzung

Rhetorisches Kolon von Satzzeichen, orthografischem Satz und anatomischer Bezeichnung unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Der Begriff erschließt die mittlere Ebene zwischen Einzelwort und umfassender Redebewegung.

Resonanz

Eine Rede gewinnt Gestalt durch Abschnitte, die tragen und weiterweisen.

Provenienz

Heinrich Lausberg: Handbook of Literary Rhetoric, English ed. 1998 erschließt für „Kolon“ den Bereich Colon, period, sound figures and rhetorical ordering; Richard A. Lanham: A Handlist of Rhetorical Terms, 2nd ed., 1991 setzt mit Colon, epithet, ordering figures and rhetorical consequence einen zweiten, abgrenzenden Schwerpunkt. Der Entwurf verwendet beide für den begrenzten Untersuchungsumfang „Rhythmisch-syntaktische Einheit rhetorischer Periodenbildung.“, ohne bibliographische Arbeitsangaben als neue Volltextlektüre auszugeben. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Kolon“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G03-035. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G03-035

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G03-035

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