ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G04-046 · ATLAS 259

Rekursion

Rekursion liegt vor, wenn eine Regel bei der Bestimmung oder Erzeugung einer Struktur auf dieselbe Regel oder auf entsprechend aufgebaute Teilstrukturen zurückgreift.

Teil des Themenwegs Poetik, Narration und Darstellung

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Rekursion ist nötig, um wiederanwendbare Strukturregeln von einfacher Wiederholung oder bloßer Länge zu unterscheiden. Ihre Reichweite muss im gewählten Modell und anhand bestimmter Konstruktionen geklärt werden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Rekursion liegt vor, wenn eine Regel bei der Bestimmung oder Erzeugung einer Struktur auf dieselbe Regel oder auf entsprechend aufgebaute Teilstrukturen zurückgreift. Im Mise-en-abyme-Kontext kann etwa eine Erzählung eine weitere Erzählung enthalten, die wiederum eine solche Einbettung zulässt. Ein einzelner Selbstverweis beweist diese Struktur jedoch nicht. Ebenso verlangt eine rekursive Regel keinen tatsächlich unendlichen Text: Jede konkrete Realisierung kann nach wenigen Schritten enden. Die Fähigkeit eines Modells zur weiteren Anwendung ist von menschlichen Verarbeitungsgrenzen zu unterscheiden. Der Eintrag vermeidet deshalb, bloße Wiederholung, Selbstähnlichkeit und Rekursion als austauschbare Namen für denselben Effekt zu behandeln.

Denkbewegung

1. Die Strukturregel wird formuliert. 2. Die rückbezügliche Anwendung wird identifiziert. 3. Ein Basisfall oder Ende wird angegeben. 4. Eine konkrete endliche Realisierung wird untersucht. 5. Modellmöglichkeit und Verarbeitung werden getrennt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Formale Narrationsanalyse kann Verschachtelungstiefe und Leserorientierung getrennt untersuchen.

Beispiel

Eine Erzählregel erlaubt: Eine Figur erzählt eine Geschichte, in der wiederum eine Figur eine Geschichte erzählt. Der konkrete Text kann schon nach zwei Einbettungen enden.

Gegenbeispiel

Die dreimalige Wiederholung desselben Satzes beweist für sich keine rekursive Einbettungsstruktur.

Abgrenzung

Rekursion von Selbstbezug allein, tatsächlicher Unendlichkeit, bloßer Wiederholung und jeder Form von Mise en abyme unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Rekursion verbindet eine begrenzte Regelbeschreibung mit potenziell weiter ausbaubaren Strukturen.

Resonanz

Ein Raum kann eine Tür zu einem Raum enthalten, dessen Bau dieselbe Möglichkeit wieder eröffnet.

Provenienz

Parallel corpus 98f0950771ae4662f291d2f15f5c51b6797f3c20ba458a68615cdb177002ea18; case-bounded source review accepted; human specialist review not claimed.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Rekursion“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G04-046. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-046

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-046

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