Vertiefung
Das Exemplum überführt einen besonderen Fall aus Geschichte, Mythos oder erinnerter Erfahrung in einen gegenwärtigen Gedankengang. Die Rhetorica ad Herennium bindet es an ein vergangenes Tun oder Sagen und an einen bestimmten Urheber; spätere Handbücher fassen auch mythische Beispiele und illustrative Anekdoten ein. Seine Beweiskraft entsteht nicht automatisch, sondern aus der behaupteten Vergleichbarkeit von Fall und Gegenwart.
Beispiel
Als der erste Entwurf scheiterte, ließ die Kartografin die verworfenen Linien sichtbar; ihr Beispiel zeigt, wie Irrwege Erkenntnis tragen können.
Gegenbeispiel
Verworfene Linien können erkenntnisreich sein. – Die allgemeine Behauptung nennt keinen besonderen Fall.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Macht abstrakte Geltungsansprüche an einem konkreten Fall prüfbar, kann aber Ähnlichkeit und Autorität auch stärker erscheinen lassen, als sie tatsächlich tragen.
Resonanz
Ein vergangener Einzelfall tritt in einen neuen Zusammenhang ein und beginnt dort als Modell, Warnung oder Gegenstimme weiterzuklingen.
Etymologie
lateinisch exemplum · Muster, Beispiel; griechisch parádeigma · Beispiel, Modell
Provenienz
Klassische Beispiel- und Lehrfiguren → Primärtext und Handbuchvergleich → Funktionsabgrenzung → ATLAS_209
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Exemplum“. Atlas der Sprache, AT-RHE-209-001. ATLAS 250, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RHE-209-001Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Ein verifiziertes Änderungsdatum pro Eintrag liegt noch nicht vor. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.