ATLAS DER SPRACHE

AT-RHE-209-001 · ATLAS 250

Exemplum

Anführung einer vergangenen Handlung oder Äußerung, meist mit benannter Autorität, um einen Gedanken zu erläutern, plausibel zu machen oder zu stützen.

Vertiefung

Das Exemplum überführt einen besonderen Fall aus Geschichte, Mythos oder erinnerter Erfahrung in einen gegenwärtigen Gedankengang. Die Rhetorica ad Herennium bindet es an ein vergangenes Tun oder Sagen und an einen bestimmten Urheber; spätere Handbücher fassen auch mythische Beispiele und illustrative Anekdoten ein. Seine Beweiskraft entsteht nicht automatisch, sondern aus der behaupteten Vergleichbarkeit von Fall und Gegenwart.

Beispiel

Als der erste Entwurf scheiterte, ließ die Kartografin die verworfenen Linien sichtbar; ihr Beispiel zeigt, wie Irrwege Erkenntnis tragen können.

Gegenbeispiel

Verworfene Linien können erkenntnisreich sein. – Die allgemeine Behauptung nennt keinen besonderen Fall.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Macht abstrakte Geltungsansprüche an einem konkreten Fall prüfbar, kann aber Ähnlichkeit und Autorität auch stärker erscheinen lassen, als sie tatsächlich tragen.

Resonanz

Ein vergangener Einzelfall tritt in einen neuen Zusammenhang ein und beginnt dort als Modell, Warnung oder Gegenstimme weiterzuklingen.

Etymologie

lateinisch exemplum · Muster, Beispiel; griechisch parádeigma · Beispiel, Modell

Provenienz

Klassische Beispiel- und Lehrfiguren → Primärtext und Handbuchvergleich → Funktionsabgrenzung → ATLAS_209

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Exemplum“. Atlas der Sprache, AT-RHE-209-001. ATLAS 250, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RHE-209-001

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