Kontexterklärung · NAV-G02-008
Anomalie
Diese Erklärung erschließt den Begriff im folgenden Herkunftskontext. Sie ist kein zusätzliches kanonisches Atlasprofil.
Vertiefung
Anomalie bezeichnet hier eine auffällige semantische Verbindung, die mit den Erwartungen einer gewöhnlichen Lesart kollidiert. Selektionsbeschränkungen betreffen beispielsweise die Art von Beteiligten, mit denen ein Prädikat verbunden werden kann. Solche Erwartungen werden nicht in allen Theorien als starre grammatische Verbote behandelt; auch graduelle Präferenzen sind möglich. Bei der Analyse müssen deshalb gewöhnliche Lesart, Wissensannahmen und konkreter Kontext getrennt werden. Eine zunächst befremdliche Verbindung kann in einer Personifikation verständlich werden. Damit ist ihre Auffälligkeit beschrieben, nicht automatisch ein Sprachfehler diagnostiziert.
Denkbewegung
1. Die auffällige Verbindung benennen. 2. Die zugrunde gelegte Lesart festlegen. 3. Die verletzte Erwartung präzisieren. 4. Kontextuelle oder bildliche Deutung prüfen.
Beispiel
Konstruiert: „Der Felsen diskutiert den Vertrag.“ Unter einer gewöhnlichen Lesart passt diskutieren nicht zum unbelebten Felsen; in einer Erzählung mit sprechenden Felsen ist eine Deutung möglich.
Gegenprobe
Eine unwahre Aussage wie „Alle Türen sind offen“ ist nicht allein wegen ihrer Unwahrheit semantisch anomal.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Ein Experiment könnte Akzeptabilität derselben Verbindung mit und ohne stützenden Erzählkontext vergleichen.
Wirkung
Die Auffälligkeit kann eine erneute Suche nach Lesart oder Kontext anstoßen; ihre Verarbeitung muss untersucht werden.
Resonanz
Wo eine Verbindung zunächst versagt, wird die Erwartung sichtbar, die sie getragen hat.
Abgrenzung
Semantische Anomalie von Ungrammatikalität, Unwahrheit, logischem Widerspruch und bloßer Seltenheit unterscheiden.
Quellen
- Philip Resnik (1996), Selectional constraints
Author abstract
documented-source-register - Utrecht lexicon, Selectional restrictions
Definition lines4–7
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