ATLAS DER SPRACHE

Kontexterklärung · NAV-G03-050

Kooperation

Diese Erklärung erschließt den Begriff im folgenden Herkunftskontext. Sie ist kein zusätzliches kanonisches Atlasprofil.

Vertiefung

Kooperation bezeichnet hier die Annahme, dass Gesprächsbeiträge auf einen erkennbaren Zweck oder eine Richtung des Austauschs bezogen werden können. Im griceschen Kontext hilft diese Annahme zu erklären, warum Hörer über das ausdrücklich Gesagte hinausgehende Bedeutungen erschließen. Sie ist weder ein Gebot der Freundlichkeit oder Einigkeit noch ein allgemeines moralisches Urteil. Grices Qualitätsmaxime begründet dennoch eine Erwartung von Wahrheit und ausreichender Evidenz; eine Verletzung dieser Erwartung entfernt sie nicht aus dem Modell. Auch ein Streit kann gemeinsame Erwartungen über verständliche Beiträge voraussetzen. Ob und wie solche Erwartungen wirken, muss am konkreten Gespräch geprüft werden. Der Eintrag beschreibt daher eine interpretative Annahme und keine moralische Bewertung der Beteiligten; strategische Täuschung und Missverständnisse bleiben mögliche Bestandteile sprachlicher Interaktion.

Denkbewegung

1. Der erkennbare Gesprächszweck wird bestimmt. 2. Der wörtliche Beitrag wird erfasst. 3. Eine auffällige Abweichung wird untersucht. 4. Eine kontextuell plausible Zusatzbedeutung wird erschlossen. 5. Alternative Erklärungen werden geprüft.

Beispiel

Auf „Kommst du heute Abend?“ kann „Ich habe morgen früh eine Prüfung“ im passenden Kontext als indirekte Absage verstanden werden.

Gegenprobe

Die Antwort kann in einem anderen Kontext bloß eine Zusatzinformation sein. Die Absage folgt nicht logisch aus dem Satz allein.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Pragmatische Forschung kann untersuchen, welche Kontextänderungen die erschlossene Bedeutung stabilisieren oder aufheben.

Wirkung

Die Kooperationsannahme verbindet Äußerungen mit erschließbaren kommunikativen Absichten.

Resonanz

Das Ungesagte wird zugänglich, weil ein Beitrag als Beitrag zu etwas verstanden wird.

Abgrenzung

Gesprächskooperation von Harmonie, Zustimmung, moralischer Güte und garantierter Verständigung unterscheiden.

Quellen