Kontexterklärung · NAV-G05-011
Sprachgefühl
Diese Erklärung erschließt den Begriff im folgenden Herkunftskontext. Sie ist kein zusätzliches kanonisches Atlasprofil.
Vertiefung
Sprachgefühl bezeichnet hier intuitive Urteile über sprachliche Formen und ihre Angemessenheit. Solche Urteile können auf umfangreicher Erfahrung beruhen, ohne dass die beurteilende Person alle zugrunde liegenden Regelmäßigkeiten ausdrücklich erklären kann. Im Kontext impliziten Wissens ist jedoch zwischen Vertrautheit, grammatischem Urteil und sozialer Bewertung zu unterscheiden. Ein ungewöhnlicher Satz kann verständlich und grammatisch sein; eine vertraute Form kann außerhalb ihres Registers unpassend wirken. Sprachgefühl ist deshalb eine mögliche Datenquelle, kein unfehlbarer Maßstab für alle Varietäten. Die gemeinsame oder getrennte Präsentation von Vergleichssätzen und die Gestaltung der Antwortskala können die Ergebnisse einer Urteilsaufgabe beeinflussen.
Denkbewegung
1. Urteilssituation festhalten. 2. Vertrautheit und Struktur trennen. 3. Register berücksichtigen. 4. Mehrere Urteile vergleichen. 5. Erklärbare Muster suchen.
Beispiel
Eine Sprecherin bemerkt, dass eine Formulierung in einem Brief steif klingt, kann aber zunächst keine Regel dafür nennen.
Gegenprobe
„Das klingt für mich fremd“ widerlegt nicht die Regelhaftigkeit einer anderen Varietät.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Akzeptabilitätsstudien können intuitive Urteile unter kontrollierten Bedingungen erheben.
Wirkung
Sprachgefühl erschließt Erfahrungswissen und seine Grenzen.
Resonanz
Manchmal hört man eine Regel, bevor man sie sagen kann.
Abgrenzung
Intuition von Normautorität, bloßer Gewöhnung und ausdrücklicher Grammatikerklärung unterscheiden.
Quellen
- Paul Marty, Emmanuel Chemla and Jon Sprouse (2020): The effect of three basic task features on the sensitivity of acceptability judgment tasks
§2.3.1 and §§5.1–5.3; PDF pp.6,16,18–19; retrieved lines212–225,707–712,839–841,898–915
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