ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G02-035 · ATLAS 259

Direktiv

Ein Direktiv ist ein Sprechakt, mit dem eine sprechende Person einen Adressaten zu einem Handeln zu veranlassen versucht.

Teil des Themenwegs Pragmatik und Gespräch

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Direktiv erschließt den Versuch, durch eine Äußerung fremdes Handeln zu veranlassen, unabhängig vom Satzmodus. Ein Imperativ beweist weder Gelingen noch in jedem Kontext dieselbe Sprechaktfunktion.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein Direktiv ist ein Sprechakt, der auf ein Handeln des Adressaten zielt: etwa eine Bitte, Aufforderung oder Anweisung. Seine Funktion lässt sich nicht allein an der Satzform ablesen. Eine Frage nach einer Fähigkeit kann im passenden Kontext als Bitte verständlich werden; ein Imperativ kann umgekehrt als Zitat auftreten. Für die Analyse sind daher sprachliche Form, erkennbare Handlungsabsicht und Reaktion auseinanderzuhalten. Dass eine Bitte verstanden wurde, bedeutet noch nicht, dass ihr entsprochen wird.

Denkbewegung

1. Satzform beschreiben. 2. Die verlangte oder erbetene Handlung bestimmen. 3. Kontext und Adressatenbezug prüfen. 4. Verstehen und Befolgen getrennt erfassen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine Gesprächsanalyse könnte Bitten nach Form, Kontext und Antwortverlauf annotieren, ohne Befolgung bereits aus der Form abzuleiten.

Beispiel

„Kannst du das Fenster schließen?“ dient im konstruierten Gespräch als Bitte, obwohl die Form eine Frage ist.

Gegenbeispiel

In „Auf dem Schild stand: Halt!“ wird ein Imperativ wiedergegeben; die erzählende Person befiehlt damit nicht automatisch dem Leser anzuhalten.

Abgrenzung

Von Imperativform, bloßem Wunsch und perlokutionärem Erfolg unterscheiden. Rat kann eine Unterart direktiven Handelns sein; seine Abgrenzung von Bitte oder Befehl braucht eigene Kriterien.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Der Begriff erschließt die Handlungsorientierung von Äußerungen jenseits ihrer Satzgestalt.

Resonanz

Ein Satz beschreibt nicht nur eine Welt; er kann zu einem nächsten Schritt einladen.

Provenienz

Searle klassifiziert Direktivität nach illokutionärem Zweck; Austin unterscheidet sprachliches Tun und Folgen. Die gemeinsame Trennung verhindert die Gleichsetzung mit Imperativ und tatsächlichem Gehorsam. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Direktiv“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-035. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-035

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-035

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