ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G02-050 · ATLAS 259

Exozentrik

Exozentrik bezeichnet eine Konstruktion ohne internen Kopf im jeweils festgelegten Sinn.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Exozentrik liefert die Gegenprobe für Konstruktionen ohne internen Kopf im gewählten Analysesinn. Das Fehlen muss gegen eine ausdrücklich definierte Kopfdiagnose geprüft werden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Exozentrik bezeichnet das Fehlen eines internen Kopfes im ausdrücklich festgelegten Sinn. Im Bahuvrihi-Kontext ist zunächst semantische Exozentrik gemeint: Das Ganze bezeichnet nicht eine Unterart eines seiner Bestandteile, sondern beispielsweise eine Person mit einer charakteristischen Eigenschaft. Daraus folgt nicht automatisch, dass überhaupt kein Bestandteil grammatische Merkmale des Gesamtworts bestimmt. Semantische Referenz, Wortart und Flexion müssen daher getrennt geprüft werden. Der Begriff ist nur so präzise wie der Kopfbegriff, auf den er sich bezieht.

Denkbewegung

1. Den verwendeten Kopfbegriff festlegen. 2. Die Referenz des Gesamtworts bestimmen. 3. Eine mögliche Unterartbeziehung testen. 4. Wortart und Flexion unabhängig untersuchen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine Kompositastudie könnte semantische Kopflosigkeit und formale Merkmalsvererbung getrennt annotieren.

Beispiel

Im konstruierten Gebrauch „Unser neuer Rotkopf kam herein“ bezeichnet Rotkopf eine Person. Gemeint ist keine Unterart von Kopf.

Gegenbeispiel

Archivlampe bezeichnet im normalen konstruierten Gebrauch eine Lampe. Ein auffälliges oder neues Wort ist nicht allein deshalb exozentrisch.

Abgrenzung

Von Undurchsichtigkeit und Ungewöhnlichkeit unterscheiden. Bahuvrihi liefert einen möglichen semantisch exozentrischen Typ, nicht die Definition aller formalen Kopflosigkeit.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die Analyse lässt erkennen, wann die Gesamtbezeichnung über die Referenz ihrer sichtbaren Teile hinausweist.

Resonanz

Die Teile zeigen auf etwas, das keiner von ihnen allein benennt.

Provenienz

Bauer behandelt Kompositatypen mit unterschiedlichen Kopftests; Haspelmath/Sims geben die morphologische Analyseperspektive. Semantisch exozentrisch wird nicht automatisch zu formal kopflos verallgemeinert. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Exozentrik“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-050. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-050

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-050

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