ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G03-021 · ATLAS 259

Historismus

Historismus bezeichnet hier ein Wort für eine vergangene Realie oder Institution, nicht den philosophischen Historismus.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Historismus macht kenntlich, dass manchmal nicht nur ein Wort altert, sondern die bezeichnete Institution oder Lebensform historisch geworden ist. So lässt sich sprachliche Veraltung von historischem Gegenstandsbezug unterscheiden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Historischer Gegenstandsbezug und altertümlicher Sprachgebrauch sind zu unterscheiden. Lukas (2022, S. 75, Anm. 11) dokumentiert sowohl die Trennung von Historismen und Archaismen als auch konkurrierende Einteilungen. Ein historischer Bezug macht ein heute verwendetes Wort nicht automatisch sprachlich veraltet.

Denkbewegung

1. Den historischen Referenten und die heutige Wortverwendung getrennt bestimmen. 2. Prüfen, ob die Sache vergangen oder nur die Benennung altertümlich ist. 3. Die Entscheidung mit der jeweiligen lexikologischen Einteilung begründen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Lexikografie trennt Markierungen des zeitlichen Wortgebrauchs von der historischen Einordnung des bezeichneten Gegenstands.

Beispiel

Eigenes Beispiel: „Frondienst“ bezeichnet eine historische Verpflichtungsform; „Oheim“ ist eine ältere Bezeichnung für einen weiterhin bestehenden Verwandtschaftsbezug.

Gegenbeispiel

Ein altes Synonym für einen weiterhin alltäglichen Gegenstand gehört nicht allein deshalb in dieselbe Kategorie.

Abgrenzung

Philosophischer Historismus ist ein anderer Begriff. Das englische Historicism ist hier kein passendes unkommentiertes Äquivalent. Die Trennung von Historismus und Archaismus ist eine begründete Analyseperspektive, keine in allen Handbüchern identische Taxonomie.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die Analyse trennt den zeitlichen Status einer Sache vom zeitlichen Status ihrer Benennung.

Resonanz

Ein heutiges Wort kann eine vergangene Lebensform zugänglich machen, ohne selbst veraltet zu sein.

Provenienz

Redaktionelle Präzisierung vom 15.10.2026, Pakete D01–D11; ursprünglicher kanonischer Nachweisbestand separat erhalten.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Historismus“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G03-021. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G03-021

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G03-021

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Quellengebundene historische Einordnung · redaktionell präzisiert

Die historische Einordnung folgt dem lexikologischen, nicht dem philosophischen Gegenstand. Lukas (2022, S. 75, Anm. 11) zeigt strittige Grenzen zu Archaismen; Norri (2022) untersucht die unterschiedliche zeitliche Kennzeichnung englischer Wörterbücher.

Stand dieser Präzisierung

Am 15.10.2026 redaktionell angenommen. Die im Profil genannten Quellen und Begrenzungen tragen diese Lesart. Eine ältere abweichende Profilfassung wird hier nicht zusätzlich als aktuelle Erklärung angezeigt; der ursprüngliche Nachweisbestand bleibt unverändert archiviert. Dies ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.