Vertiefung
Morphologische Produktivität betrifft die Verfügbarkeit eines Bildungsmusters für neue Wörter oder Formen. Viele bereits gespeicherte Wörter mit demselben Muster beweisen noch nicht, dass Sprecher es heute frei erweitern. Umgekehrt kann ein produktives Verfahren nur selten gebraucht werden, wenn passende Anlässe fehlen. Produktivität ist deshalb von Häufigkeit, Verständlichkeit und normativer Akzeptanz zu unterscheiden. Blocking liefert einen besonderen Grenzfall: Eine etablierte konkurrierende Form kann eine erwartbare Neubildung zurückdrängen, obwohl das Muster sonst verfügbar bleibt. Die Analyse betrachtet daher Regelbereich, konkrete Basiswörter und Konkurrenzbedingungen gemeinsam, statt aus einem abgelehnten Beispiel die Unproduktivität des gesamten Musters abzuleiten.
Denkbewegung
1. Ein Bildungsmuster wird bestimmt. 2. Vorhandene Typen werden gesammelt. 3. Neue mögliche Basen werden getestet. 4. Konkurrenzformen werden berücksichtigt. 5. Häufigkeit und Erweiterbarkeit werden getrennt bewertet.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Korpusdaten zu neuen Typen lassen sich mit kontrollierten Neubildungsurteilen vergleichen.
Beispiel
Ein erfundenes Tätigkeitsverb kann im Experiment mit einer erwartbaren Personenbezeichnung kombiniert werden; entscheidend ist, ob Sprecher das Muster auf die neue Basis übertragen.
Gegenbeispiel
Eine lange Liste historisch gebildeter Wörter belegt allein keine heutige Produktivität.
Abgrenzung
Produktivität von Tokenhäufigkeit, bloßer Regelmäßigkeit, Akzeptanz eines Einzelworts und Blocking unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Produktivität macht den Unterschied zwischen gespeichertem Bestand und verfügbarer Erweiterung sichtbar.
Resonanz
Eine Formregel lebt nicht nur in ihren bisherigen Ergebnissen, sondern in ihren noch möglichen Anwendungen.
Provenienz
Parallel corpus 98f0950771ae4662f291d2f15f5c51b6797f3c20ba458a68615cdb177002ea18; case-bounded source review accepted; human specialist review not claimed.
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Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Produktivität“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G04-032. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-032Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.