ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G04-032 · ATLAS 259

Produktivität

Morphologische Produktivität betrifft die Verfügbarkeit eines Bildungsmusters für neue Wörter oder Formen.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Produktivität erschließt die aktuelle Verfügbarkeit eines Musters für neue Formen gegenüber bloß großem Wortbestand. Historisch viele Bildungen belegen nicht automatisch heutige Neubildbarkeit.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Morphologische Produktivität betrifft die Verfügbarkeit eines Bildungsmusters für neue Wörter oder Formen. Viele bereits gespeicherte Wörter mit demselben Muster beweisen noch nicht, dass Sprecher es heute frei erweitern. Umgekehrt kann ein produktives Verfahren nur selten gebraucht werden, wenn passende Anlässe fehlen. Produktivität ist deshalb von Häufigkeit, Verständlichkeit und normativer Akzeptanz zu unterscheiden. Blocking liefert einen besonderen Grenzfall: Eine etablierte konkurrierende Form kann eine erwartbare Neubildung zurückdrängen, obwohl das Muster sonst verfügbar bleibt. Die Analyse betrachtet daher Regelbereich, konkrete Basiswörter und Konkurrenzbedingungen gemeinsam, statt aus einem abgelehnten Beispiel die Unproduktivität des gesamten Musters abzuleiten.

Denkbewegung

1. Ein Bildungsmuster wird bestimmt. 2. Vorhandene Typen werden gesammelt. 3. Neue mögliche Basen werden getestet. 4. Konkurrenzformen werden berücksichtigt. 5. Häufigkeit und Erweiterbarkeit werden getrennt bewertet.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Korpusdaten zu neuen Typen lassen sich mit kontrollierten Neubildungsurteilen vergleichen.

Beispiel

Ein erfundenes Tätigkeitsverb kann im Experiment mit einer erwartbaren Personenbezeichnung kombiniert werden; entscheidend ist, ob Sprecher das Muster auf die neue Basis übertragen.

Gegenbeispiel

Eine lange Liste historisch gebildeter Wörter belegt allein keine heutige Produktivität.

Abgrenzung

Produktivität von Tokenhäufigkeit, bloßer Regelmäßigkeit, Akzeptanz eines Einzelworts und Blocking unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Produktivität macht den Unterschied zwischen gespeichertem Bestand und verfügbarer Erweiterung sichtbar.

Resonanz

Eine Formregel lebt nicht nur in ihren bisherigen Ergebnissen, sondern in ihren noch möglichen Anwendungen.

Provenienz

Parallel corpus 98f0950771ae4662f291d2f15f5c51b6797f3c20ba458a68615cdb177002ea18; case-bounded source review accepted; human specialist review not claimed.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Produktivität“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G04-032. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-032

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-032

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