ATLAS DER SPRACHE

AT-RHE-206-006 · ATLAS 250

Schematismus

Absichtlich umwegige oder codierte Rede, die eine gemeinte Aussage aus Furcht, Höflichkeit, Zensur oder spielerischer Verhüllung sagbar macht.

Vertiefung

Schematismus setzt einen Druck voraus, der direkte Rede unerwünscht, gefährlich oder unhöflich macht. Die Äußerung erhält deshalb eine Form, die anders verstanden werden kann, den adressierten Hintersinn aber erreichbar hält. Das Verfahren kann Schutzraum schaffen, zugleich jedoch Verantwortlichkeit verwischen und Außenstehende ausschließen.

Beispiel

Unter einer Zensurregel schreibt jemand nicht, wie die Reise erfolgt, sondern kündigt die Ankunft mit dem ›Puff-Puff‹ an.

Gegenbeispiel

Der Zug kommt am Abend. – Es besteht weder ein Umweg noch eine codierte Verhüllung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Macht Kommunikation trotz sozialer oder politischer Beschränkung möglich und schärft Wahrnehmung für Macht, Publikum und abgestufte Zugänglichkeit.

Resonanz

Eine Aussage nimmt einen gekrümmten Weg um ein Hindernis; wer den Code kennt, hört hinter der sichtbaren Bahn die direkte Richtung mit.

Etymologie

griechisch schēmatismós · Formung, figurierte Gestaltung

Provenienz

Klassische Rhetorik → historische Handbücher und Primärtexte → Funktionsabgrenzung → ATLAS_206

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Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Schematismus“. Atlas der Sprache, AT-RHE-206-006. ATLAS 250, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RHE-206-006

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