Vertiefung
Martyria macht die sprechende Person selbst zur Quelle: Nicht ein fremdes Beispiel, sondern das eigene Sehen, Hören oder Erleben soll eine Behauptung beglaubigen. Das kann Nähe und Verantwortlichkeit erzeugen, begrenzt die Geltung aber zugleich auf Perspektive, Erinnerung und Vertrauenswürdigkeit des Zeugen.
Beispiel
Ich hielt die Unterscheidung für belanglos, bis ich sah, wie zwei Leser an ihr zu entgegengesetzten Wegen gelangten.
Gegenbeispiel
Zwei Leser gelangten zu entgegengesetzten Wegen. – Die Feststellung weist die Erfahrung keiner bezeugenden Person zu.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Bindet Geltung an Zeugenschaft und macht zugleich sichtbar, dass Unmittelbarkeit eine perspektivische Form von Evidenz ist.
Resonanz
Erlebtes wird nicht nur erinnert, sondern als persönliche Bürgschaft in den gemeinsamen Denkraum gestellt.
Etymologie
griechisch martyría · Zeugnis, Beweis; lateinisch testatio · Bezeugung
Provenienz
Klassische Beispiel- und Lehrfiguren → Primärtext und Handbuchvergleich → Funktionsabgrenzung → ATLAS_209
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Martyria“. Atlas der Sprache, AT-RHE-209-002. ATLAS 250, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RHE-209-002Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Ein verifiziertes Änderungsdatum pro Eintrag liegt noch nicht vor. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.