ATLAS DER SPRACHE

Kontexterklärung · NAV-G04-014

Narrativ

Diese Erklärung erschließt den Begriff im folgenden Herkunftskontext. Sie ist kein zusätzliches kanonisches Atlasprofil.

Vertiefung

Narrativ kann eine erzählerische Darstellung oder ein wiederkehrendes gesellschaftliches Deutungsmuster bezeichnen. Beide Verwendungen verbinden Ereignisse häufig zu einem Zusammenhang, doch ihr Analysegegenstand ist verschieden. Eine einzelne Erzählung gestaltet eine Welt und einen Verlauf; ein öffentliches Narrativ kann viele einzelne Darstellungen ordnen, etwa indem es Fortschritt, Verlust oder Rettung als Grundmuster anbietet. Im Übergang zwischen Diegese und Framing dürfen diese Ebenen nicht unbemerkt verschmelzen. Die Bezeichnung Narrativ sagt außerdem für sich weder, dass eine Darstellung erfunden ist, noch dass sie wahr ist. Ihr Aufbau und ihre empirische Belastbarkeit sind getrennte Fragen.

Denkbewegung

1. Die gemeinte Verwendung wird bestimmt. 2. Ereignisse und Rollen werden identifiziert. 3. Das verbindende Handlungsmuster wird rekonstruiert. 4. Einzelfall und wiederkehrender Deutungsrahmen werden getrennt. 5. Behauptungen werden unabhängig von ihrer Erzählform geprüft.

Beispiel

Mehrere Berichte können denselben Umbau als „Niedergang eines Viertels“ darstellen, obwohl sie unterschiedliche Ereignisse erzählen.

Gegenprobe

Eine bloße Liste von Daten besitzt nicht schon ein ausgearbeitetes Narrativ; eine gut erzählte Geschichte ist nicht deshalb zuverlässig.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Diskursforschung kann wiederkehrende Rollen- und Verlaufsmuster über verschiedene Texte hinweg vergleichen.

Wirkung

Narrative Form macht Zusammenhänge zugänglich und kann Alternativen ausblenden.

Resonanz

Eine Folge wird zum Weg, sobald Anfang, Richtung und mögliche Ankunft erkennbar werden.

Abgrenzung

Erzählung, gesellschaftliches Narrativ, Deutungsrahmen und Wahrheitsstatus unterscheiden.

Quellen