Vertiefung
Eine Paraphrase formuliert einen sprachlich gegebenen Inhalt anders und beansprucht dabei, den relevanten Sinn zu erhalten. Diese Erhaltung ist eine prüfbare Leistung: Quantoren, Verneinungen, zeitliche Beziehungen und Unsicherheiten dürfen nicht unbemerkt wechseln. Eine verständlichere Formulierung kann andere Assoziationen auslösen und muss deshalb nicht in jeder Hinsicht äquivalent sein. Der Begriff macht sichtbar, dass Verstehen sich auch darin zeigt, etwas anders sagen und die Veränderungen verantworten zu können. In der Übersetzung erweitert der Sprachwechsel diese Aufgabe, ist aber kein notwendiges Merkmal der Paraphrase.
Denkbewegung
1. Ausgangsaussage und Verwendungssituation bestimmen. 2. Tragende Aussagen und Einschränkungen herausarbeiten. 3. Eine andere sprachliche Gestalt wählen. 4. Beide Fassungen auf hinzugefügte oder verlorene Behauptungen prüfen. 5. Die Umformulierung nur mit benannter Reichweite als sinngleich behandeln.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Semantik, Übersetzungswissenschaft und Argumentationsanalyse können prüfen, welche Folgerungen zwei Fassungen jeweils zulassen; Lernstudien können Verständnis von bloßer Wortersetzung trennen.
Beispiel
Unter der Annahme, dass jeder Weg entweder offen oder gesperrt ist, wird aus »Nicht alle Wege sind gesperrt« die Fassung »Mindestens ein Weg ist offen«. Die zweite Fassung macht die logische Mindestbehauptung sichtbar.
Gegenbeispiel
»Alle Wege sind offen« verändert den Quantor und ist keine getreue Paraphrase des Beispiels. Eine bloße Synonymliste belegt ebenfalls keine Sinnerhaltung.
Abgrenzung
Von Zusammenfassung, Zitat, Übersetzung und Expolitio unterscheiden. Paraphrase betrifft sinngestützte Neuformulierung, nicht notwendig Kürzung, Sprachwechsel oder rhetorische Ausweitung.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Andere Wörter können einen vertrauten Gedanken zugänglich machen, aber auch seine Gewichtung verschieben.
Resonanz
Der Gedanke kehrt in einer anderen Stimme zurück; seine Kontur zeigt sich an dem, was den Wechsel übersteht.
Provenienz
Purdue fordert eigenständige Formulierung bei Sinnerhaltung; Wilson verbindet Paraphrase mit loyaler Argumentrekonstruktion. Der Entwurf operationalisiert beides durch Quantorenvergleich und eine ausdrücklich misslungene Gegenfassung. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Paraphrase“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G01-004. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G01-004Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.