ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G01-008 · ATLAS 259

Nonsens

Literarischer Nonsens lässt Formen des Sinns arbeiten, ohne die erwartete vernünftige oder lebensweltliche Auflösung zu liefern.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

E · Exemplarischer Fall R3 · Begründeter exemplarischer Fall

Nonsens zeigt exemplarisch die Arbeit sprachlicher Sinnformen ohne erwartete vernünftige Auflösung. Unverständlicher Sprachfehler ist ohne gestalteten Zusammenhang kein literarischer Nonsens.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Literarischer Nonsens lässt Formen des Sinns arbeiten, ohne die erwartete vernünftige oder lebensweltliche Auflösung zu liefern. Grammatik, Reim oder Erzählregeln können zuverlässig erscheinen, während Bedeutungen gegeneinander laufen. Seine Wirkung beruht dann auf der Spannung zwischen Ordnung und verweigerter Einordnung. Der Ausdruck wird außerhalb der Literatur auch als abwertendes Urteil verwendet; diese Bewertung ist kein ausreichender Befund. Ein Atlasprofil muss deshalb zeigen, welche Regel erhalten bleibt und an welcher Stelle der Sinnanspruch ins Spiel gerät.

Denkbewegung

1. Eine grammatische oder erzählerische Regel erkennen. 2. Eine erwartete Bedeutung aufbauen. 3. Den unpassenden Anschluss bemerken. 4. Prüfen, ob sich der Bruch durch gewöhnliche Kontextinformation auflösen lässt. 5. Die fortgesetzte Spannung als Spiel mit Sinnbedingungen lesen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Literarische und sprachdidaktische Untersuchungen können formale Regelmäßigkeit, semantische Abweichung und Reaktionen auf unerfüllte Erwartungen getrennt annotieren.

Beispiel

»Jeden Dienstag zählt der Regen seine trockenen Tropfen und schickt den Mittwoch zum Schwimmen.« Der Satz hält seine Syntax, verschiebt aber die Weltregeln.

Gegenbeispiel

Ein unbekanntes Fachwort ist kein Nonsens, nur weil jemand es nicht versteht. Ein Tippfehler allein bildet ebenfalls noch kein literarisches Verfahren.

Abgrenzung

Von Zufallstext, Irrtum, Unverständlichkeit und absurder Weltsicht unterscheiden. Nonsens ist hier ein Gestaltungsmodus, nicht das Urteil über die Intelligenz eines Sprechers.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Verstehen wird vom bloßen Entschlüsseln zum Beobachten seiner eigenen Erwartungen.

Resonanz

Die Form verspricht Halt, während der Sinn ausweicht; gerade dieses Wechselspiel kann Vergnügen erzeugen.

Provenienz

Das Ca’-Foscari-Referat diskutiert Nonsens und Konventionsgrenzen; Carrolls Kapitel I und VI liefern einen literarischen Prüftext mit erkennbarer Form und instabiler Bedeutung. Das neue Atlasbeispiel ist eigenständig und nicht als Carroll-Zitat ausgegeben. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Nonsens“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G01-008. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G01-008

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G01-008

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