Vertiefung
Das Sein–Sollen-Problem betrifft den Übergang von Beschreibungen dessen, was der Fall ist, zu Forderungen dessen, was sein soll. Eine normative Schlussfolgerung braucht eine ausweisbare Grundlage; reine Tatsachenberichte liefern diese nicht schon dadurch, dass sie ausführlich oder eindrucksvoll sind. Für die Argumentationsanalyse heißt das zunächst: die oft unausgesprochene Brückenannahme offenlegen und selbst prüfen. Die historische Deutung von Humes Passage ist umstritten. Sie darf nicht pauschal mit Moores Kritik an Definitionen des Guten durch andere Eigenschaften gleichgesetzt werden.
Denkbewegung
1. Tatsachenbehauptungen von Wertungen unterscheiden. 2. Den normativen Gehalt der Schlussfolgerung bestimmen. 3. Die zum Übergang benötigte Brückenannahme formulieren. 4. Diese Norm eigenständig auf ihre Rechtfertigung prüfen. 5. Tatsachenwissen und normative Bewertung wieder ausdrücklich verbinden.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Ethik und Diskursanalyse können normative Brücken rekonstruieren und zeigen, wo Beschreibungen als scheinbar selbstverständliche Handlungspflichten eingesetzt werden.
Beispiel
»Die meisten nutzen den Park; deshalb müssen alle ihn nutzen.« Erst eine zusätzliche Norm über Mehrheitsverhalten könnte diesen Übergang stützen – und wäre bestreitbar.
Gegenbeispiel
»Wir sollen vereinbarte Regeln einhalten; diese Regel wurde vereinbart; also sollen wir sie einhalten« enthält bereits eine normative Prämisse. Es ist kein reiner Übergang aus Tatsachen allein.
Abgrenzung
Vom naturalistischen Fehlschluss im engeren Sinne Moores, moralischer Uneinigkeit und bloßem Faktenirrtum unterscheiden. Das Profil behauptet nicht, Tatsachen seien für ethische Urteile bedeutungslos.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Gewohnheit und Häufigkeit verlieren den Anschein, von sich aus verbindlich zu sein.
Resonanz
Zwischen Wirklichem und Gefordertem öffnet sich ein Raum, in dem Gründe ausdrücklich gegeben werden müssen.
Provenienz
Der Hume-Beitrag behandelt den Übergang von deskriptiven zu normativen Aussagen. Der Moore-Beitrag betrifft die Analyse des Guten und den naturalistischen Fehlschluss. Der Entwurf hält diese Probleme auseinander und macht normative Brückenprämissen sichtbar. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Sein-Sollen“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G01-015. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G01-015Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.