ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G01-044 · ATLAS 259

Charakterisierung

Charakterisierung erzeugt ein Bild einer Person oder Figur durch zugeschriebene Eigenschaften und durch Hinweise, aus denen solche Eigenschaften erschlossen werden.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Charakterisierung erschließt, wie explizite Zuschreibung und erschlossene Eigenschaften ein Figurenbild erzeugen. Die Rekonstruktion einer Figur ist von Urteilen über reale Autoren zu trennen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Charakterisierung erzeugt ein Bild einer Person oder Figur durch zugeschriebene Eigenschaften und durch Hinweise, aus denen solche Eigenschaften erschlossen werden. Eine Erzählstimme kann jemanden ausdrücklich als großzügig bezeichnen; Handlungen, Rede und Perspektive können diesen Eindruck stützen oder widerlegen. Das Verfahren ist deshalb mehr als eine Adjektivliste. Der Atlas fragt, wer eine Eigenschaft zuschreibt, worauf sie beruht und wie zuverlässig die Darstellung im jeweiligen Text ist. Charakter entsteht für Lesende als veränderliches Gefüge von Informationen und Schlüssen.

Denkbewegung

1. Die Information über eine Figur sammeln. 2. Direkte Zuschreibungen von indirekten Hinweisen unterscheiden. 3. Die zuschreibende Stimme und ihre Perspektive bestimmen. 4. Widersprüche zwischen Urteil, Handlung und Rede prüfen. 5. Das Figurenbild als revidierbare Rekonstruktion formulieren.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Narratologie und digitale Literaturanalyse können Eigenschaftszuschreibungen, Informationsquellen und zeitliche Revisionen eines Figurenbildes annotieren.

Beispiel

Eine Erzählerin nennt Tom hilfsbereit. Als eine Kollegin Hilfe braucht, versteckt er sein Telefon. Die Handlung macht die direkte Zuschreibung fragwürdig.

Gegenbeispiel

Die Angabe einer Schuhgröße charakterisiert im stärkeren narrativen Sinn noch keine Haltung; sie kann im passenden Kontext aber zum Hinweis werden. Einzelmerkmale wirken nicht unabhängig von ihrer Verwendung.

Abgrenzung

Von Personenidentifikation, äußerer Beschreibung und psychologischer Diagnose unterscheiden. Textuelle Charakterisierung ist keine gesicherte Diagnose einer realen Person.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Lesende bilden Erwartungen über Verhalten und müssen sie gegebenenfalls korrigieren.

Resonanz

Eine Figur gewinnt Kontur durch das Zusammenspiel ihrer eigenen Stimme und der Stimmen, die über sie sprechen.

Provenienz

Jannidis erläutert Figureninformation, Zuschreibung und Inferenz; Ad Herennium IV.65 bietet eine historische Form der Charakterzeichnung. Das neue Beispiel prüft den Widerspruch zwischen Erzählerurteil und gezeigtem Handeln. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Charakterisierung“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G01-044. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G01-044

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G01-044

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