ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G02-041 · ATLAS 259

Entlehnung

Entlehnung ist die Übernahme sprachlichen Materials in den Gebrauch einer anderen Sprachgemeinschaft.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Entlehnung ist nötig, um Übernahme sprachlichen Materials von momentaner Mehrsprachigkeitsmischung zu unterscheiden. Grad und Art der Integration sind belegspezifisch zu prüfen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Entlehnung bezeichnet die kontaktbedingte Übernahme sprachlichen Materials oder sprachlicher Muster. Bei einer Wortentlehnung wird eine lexikalische Einheit aus einer anderen Sprache übernommen; ihre spätere Integration löscht diese Herkunft nicht. Bedeutungsentlehnung erweitert dagegen die Verwendung eines vorhandenen Ausdrucks nach fremdsprachigem Vorbild. Eine Lehnübersetzung bildet ein Muster mit eigenen sprachlichen Mitteln nach. Diese Wege sind für die Herkunftsverweise getrennt zu erfassen. Die Grenze zwischen einer etablierten Entlehnung und situativem Code-Switching lässt sich nicht zuverlässig allein am fremden Aussehen eines Wortes bestimmen.

Denkbewegung

1. Form, Bedeutung oder Muster als Übernahmegegenstand bestimmen. 2. Kontakt und mögliche Gebersprache prüfen. 3. Historische Belege und Integration untersuchen. 4. Code-Switching als alternative Analyse berücksichtigen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine Kontaktstudie könnte früheste Belege, Geberformen und Verbreitung getrennt dokumentieren und unsichere Herleitungen ausdrücklich abstufen.

Beispiel

Im konstruierten Modell übernimmt Sprache B das Wort luma aus Sprache A. Bildet B stattdessen dessen Zusammensetzungsstruktur mit eigenen Wörtern nach, ist ein anderer Übernahmeweg zu prüfen.

Gegenbeispiel

Ein heute fremd wirkendes Wort ist noch kein gesicherter Entlehnungsbeleg. Ähnlichkeit kann auch aus gemeinsamer Herkunft oder Zufall entstehen.

Abgrenzung

Von Erbwort, unabhängiger Neubildung und situativem Sprachwechsel unterscheiden. Materielle Entlehnung, Bedeutungsentlehnung und Lehnübersetzung sind verwandte, aber unterschiedliche Prozesse.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Der Begriff erschließt verschiedene Wege, auf denen Sprachkontakt im Wortschatz Spuren hinterlässt.

Resonanz

Ein Wort wechselt seinen Ort und wächst in neue Zusammenhänge hinein.

Provenienz

Haugen ordnet Entlehnungsprozesse nach Übernahme und Substitution; Thomason behandelt breitere Kontaktbedingungen. Beide Perspektiven werden mit kontextbezogenen Switching-Fragen verglichen, ohne starre Sprachgrenzen zu behaupten. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Entlehnung“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-041. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-041

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-041

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.