Vertiefung
Entlehnung bezeichnet die kontaktbedingte Übernahme sprachlichen Materials oder sprachlicher Muster. Bei einer Wortentlehnung wird eine lexikalische Einheit aus einer anderen Sprache übernommen; ihre spätere Integration löscht diese Herkunft nicht. Bedeutungsentlehnung erweitert dagegen die Verwendung eines vorhandenen Ausdrucks nach fremdsprachigem Vorbild. Eine Lehnübersetzung bildet ein Muster mit eigenen sprachlichen Mitteln nach. Diese Wege sind für die Herkunftsverweise getrennt zu erfassen. Die Grenze zwischen einer etablierten Entlehnung und situativem Code-Switching lässt sich nicht zuverlässig allein am fremden Aussehen eines Wortes bestimmen.
Denkbewegung
1. Form, Bedeutung oder Muster als Übernahmegegenstand bestimmen. 2. Kontakt und mögliche Gebersprache prüfen. 3. Historische Belege und Integration untersuchen. 4. Code-Switching als alternative Analyse berücksichtigen.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Eine Kontaktstudie könnte früheste Belege, Geberformen und Verbreitung getrennt dokumentieren und unsichere Herleitungen ausdrücklich abstufen.
Beispiel
Im konstruierten Modell übernimmt Sprache B das Wort luma aus Sprache A. Bildet B stattdessen dessen Zusammensetzungsstruktur mit eigenen Wörtern nach, ist ein anderer Übernahmeweg zu prüfen.
Gegenbeispiel
Ein heute fremd wirkendes Wort ist noch kein gesicherter Entlehnungsbeleg. Ähnlichkeit kann auch aus gemeinsamer Herkunft oder Zufall entstehen.
Abgrenzung
Von Erbwort, unabhängiger Neubildung und situativem Sprachwechsel unterscheiden. Materielle Entlehnung, Bedeutungsentlehnung und Lehnübersetzung sind verwandte, aber unterschiedliche Prozesse.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Der Begriff erschließt verschiedene Wege, auf denen Sprachkontakt im Wortschatz Spuren hinterlässt.
Resonanz
Ein Wort wechselt seinen Ort und wächst in neue Zusammenhänge hinein.
Provenienz
Haugen ordnet Entlehnungsprozesse nach Übernahme und Substitution; Thomason behandelt breitere Kontaktbedingungen. Beide Perspektiven werden mit kontextbezogenen Switching-Fragen verglichen, ohne starre Sprachgrenzen zu behaupten. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Entlehnung“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-041. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-041Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.