Vertiefung
Homografie bezeichnet die Übereinstimmung der Schreibung verschiedener lexikalischer Einheiten. Ob sie auch gleich ausgesprochen werden, ist eine zusätzliche Frage. Damit lässt sich der Blick gezielt auf die Schriftform richten, ohne Bedeutung, Lautung und historische Herkunft zusammenzuwerfen. Allerdings beweist gemeinsame Schreibung allein noch nicht, dass tatsächlich verschiedene Wörter statt verschiedener Bedeutungen desselben Wortes vorliegen. Diese lexikologische Entscheidung braucht eigene Begründung. Der Atlas verwendet Homografie deshalb als Formrelation innerhalb einer angegebenen Sprache und Schriftnorm, nicht als automatische Erklärung jeder Mehrdeutigkeit.
Denkbewegung
1. Die Schreibung wird unter derselben Norm verglichen. 2. Die Bedeutungen werden bestimmt. 3. Lexikalische Einheit oder Trennung wird begründet. 4. Die Aussprache wird unabhängig geprüft. 5. Die Formrelation wird mit diesen Grenzen benannt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Lexika und Sprachsynthese müssen Schriftform, Aussprache und Bedeutungszuordnung getrennt speichern.
Beispiel
Englisch lead im Sinn von „führen“ und lead als Metallbezeichnung haben dieselbe Schreibung, aber unterschiedliche Aussprache.
Gegenbeispiel
Zwei Deutungen einer metaphorischen Wortverwendung begründen nicht schon zwei homografische Lexeme.
Abgrenzung
Homografie von Homophonie, Polysemie und bloßer typografischer Ähnlichkeit unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Die Relation zeigt, wie Schrift Unterschiede zusammenfallen lassen kann.
Resonanz
Eine sichtbare Form kann mehr als einen lautlichen oder begrifflichen Weg öffnen.
Provenienz
David Crystal: A Dictionary of Linguistics and Phonetics, 6th ed., 2008 erschließt für „Homografie“ den Bereich Entries on glottalisation, homography, grammar and historical style; John Lyons: Linguistic Semantics, 1995 setzt mit Sense relations, reference, opposition and lexical structure einen zweiten, abgrenzenden Schwerpunkt. Der Entwurf verwendet beide für den begrenzten Untersuchungsumfang „Gleiche Schriftform bei unterschiedlichen lexikalischen Einheiten oder Lesarten.“, ohne bibliographische Arbeitsangaben als neue Volltextlektüre auszugeben. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Homografie“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G03-022. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G03-022Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.