ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G04-026 · ATLAS 259

Perfektivität

Perfektivität betrifft die Art, wie ein Ereignis aspektuell präsentiert wird: Es wird als Ganzes betrachtet, ohne seinen inneren Verlauf zum maßgeblichen Blickpunkt zu machen.

Teil des Themenwegs Semantik und Zeichen

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Perfektivität präzisiert die Betrachtung eines Ereignisses als Ganzes innerhalb der Aspektanalyse. Sie behauptet weder notwendig tatsächlichen Abschluss noch eine bestimmte vergangene Zeit.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Perfektivität betrifft die Art, wie ein Ereignis aspektuell präsentiert wird: Es wird als Ganzes betrachtet, ohne seinen inneren Verlauf zum maßgeblichen Blickpunkt zu machen. Das ist von Telizität zu unterscheiden, also davon, ob die beschriebene Ereignisart einen inhärenten Endpunkt besitzt. Auch eine zeitlich begrenzte Tätigkeit ohne solches Ziel kann perfektiv dargestellt werden. Ebenso sind Perfektivität, Perfekt und Vergangenheit keine austauschbaren Begriffe. Wie eine Sprache die Perspektive markiert und welche Folgerungen sie zulässt, ist an ihren Konstruktionen zu prüfen. Eine anschauliche Außenansicht ist deshalb eine Erklärungshilfe, keine vollständige Theorie aller Aspektsysteme.

Denkbewegung

1. Die Ereignisart wird bestimmt. 2. Ein möglicher inhärenter Endpunkt wird geprüft. 3. Die grammatische Perspektivierung wird untersucht. 4. Zeitlage und Perfektkonstruktion werden getrennt erfasst. 5. Sprachspezifische Lesarten dienen als Gegenprobe.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Typologische Arbeit kann Telizität, Tempus und Aspekt getrennt codieren und ihre Wechselwirkungen prüfen.

Beispiel

Die Tätigkeit „spazieren gehen“ besitzt für sich kein eingebautes Ziel. Eine Erzählung kann dennoch einen begrenzten Spaziergang als gesamtes Ereignis darstellen.

Gegenbeispiel

Eine Darstellung ist nicht allein deshalb perfektiv, weil sie sich auf ein vergangenes Ereignis bezieht; vergangene Ereignisse können auch im Verlauf dargestellt werden.

Abgrenzung

Perfektivität von Telizität, Perfekt, Vergangenheit und notwendig erreichtem Handlungsziel unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die Unterscheidung trennt die Beschaffenheit eines Ereignisses von seiner sprachlichen Ansicht.

Resonanz

Dasselbe Geschehen kann als Weg unter den Füßen oder als umrissene Strecke erscheinen.

Provenienz

Parallel corpus 98f0950771ae4662f291d2f15f5c51b6797f3c20ba458a68615cdb177002ea18; case-bounded source review accepted; human specialist review not claimed.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Perfektivität“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G04-026. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-026

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-026

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