Vertiefung
Eine Frage verteilt Rollen: Eine Person scheint Wissen zu suchen, die andere darf es liefern. Dissimulatio kann diese Verteilung inszenieren. Der Fragende hält sein Wissen zurück, damit die Antwort eine Behauptung, einen Widerspruch oder eine Haltung sichtbar macht. Das Verfahren lässt sich nicht an der Frageform allein erkennen. Es benötigt einen Kontext, der die Diskrepanz zwischen gezeigtem und vorhandenem Wissen begründet. Die Tradition umfasst auch weiter reichende Verstellung. Das Profil konzentriert sich auf die wissensbezogene Gesprächsbewegung, ohne diese engere Atlasperspektive zur einzig zulässigen Definition zu erklären. Pädagogische Prüfung, schonendes Offenlassen und manipulative Bloßstellung können ähnlich aussehen, ethisch aber sehr verschieden sein.
Denkbewegung
1. Die Beteiligten verfügen nicht über dasselbe Wissen oder zeigen es unterschiedlich. 2. Ein Beitrag stellt die wissende Person als fragend oder unentschieden dar. 3. Das Gegenüber legt sich durch seine Antwort fest. 4. Zusatzwissen oder eine Folgefrage macht die Diskrepanz sichtbar. 5. Die Rückkehr prüft Erkenntnisgewinn, Fairness und mögliche Gesichtsverletzung.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Gesprächsanalytisch wären Wissenszugang, Fragefolge, Antwort und spätere Offenlegung zu rekonstruieren. Das ist ein Anwendungsfall, keine Erlaubnis zum Gedankenlesen: Die Verfügbarkeit des Wissens braucht einen Beleg.
Beispiel
Eine Teamleitung besitzt eine schriftliche Gegenstimme. Auf „Alle waren einverstanden“ fragt sie zunächst: „Wirklich alle?“ Erst nach der bekräftigenden Antwort legt sie die Gegenstimme vor. Die Analyse unterscheidet die mögliche Klärung einer falschen Behauptung von der unnötigen Inszenierung einer Falle. Erfundener Dialog.
Gegenbeispiel
Wer eine Antwort wirklich nicht kennt, verstellt sein Wissen nicht. Auch eine Prüfungsfrage ist nicht automatisch täuschend: Ist die Prüfungsrolle bekannt, kann die scheinbare Informationssuche transparent sein. Einzelne Fragen reichen daher nicht, eine verborgene Absicht zu diagnostizieren.
Abgrenzung
Ironie ist das weitere Nachbarfeld, nicht auf diese Technik beschränkt. Peirastik prüft Wissensansprüche; Dissimulatio kann ein Mittel dazu sein, muss es aber nicht. Schweigen über private Informationen ist nicht ohne Weiteres rhetorische Verstellung.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Die Frage erzeugt eine Bühne der Selbstfestlegung. Das kann unbegründete Sicherheit aufbrechen oder Vertrauen zerstören, wenn Aufklärung zur Bloßstellung wird.
Resonanz
Eine Antwort begegnet einem Wissen, das zunächst im Hintergrund blieb. Die Resonanzprüfung fragt, ob daraus gemeinsame Klärung oder nur ein einseitiger Triumph entsteht.
Etymologie
Die lateinische Benennung gehört zum Wortfeld des Verbergens und Sichverstellens. Die traditionelle Form bleibt im deutschen Fachlemma erhalten; ein deutscher Erstbeleg wird nicht behauptet.
Provenienz
DE/EN redaktionell angenommen am 15.10.2026. Historischer Bezug, Sprachvergleich und Quellenstatus sind im vollständigen Profil gesondert ausgewiesen.
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Dissimulatio“. Atlas der Sprache, AT-ADD-20261015-0004. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261015-0004Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Leitfrage
Was geschieht, wenn jemand eine Frage stellt, deren Antwort er bereits kennt?
Fünf Koordinatenfragen
Die folgenden Beschreibungen erläutern dieses Profil. Sie sind noch keine kontrollierten Registerwerte und erzeugen keine gemeinsamen Registertreffer.
- Woran ist der Vorgang beobachtbar?
- Frage-Antwort-Folgen mit belegbarem Wissenszugang.
- Was geschieht mit dem Material?
- Wissen zurückhalten und eine Selbstfestlegung anbahnen.
- Auf welcher Ebene verändert sich etwas?
- Wissensordnung, Beziehung und Urteil.
- Welche zeitliche Struktur ist nötig?
- Sequenziell: Frage, Festlegung, mögliche Offenlegung.
- Woran lässt sich die Beschreibung prüfen?
- Wissensbelege und Fortgang statt nur isolierte Frageform prüfen.
Historischer Bezug
Der HWRh-Artikel ordnet Dissimulatio häufig der Gedankenfigur Ironie zu und unterscheidet verschiedene Reichweiten ihres Gebrauchs. Die historische Nachbarschaft zur sokratischen Verstellung erklärt einen wichtigen Zugang, nicht die vollständige Gleichsetzung aller sokratischen Fragen mit Täuschung.
Sprachvergleich und Fachfassung
Englisch dissimulation kann allgemein das Verbergen von Gefühlen oder Absichten meinen. Das profilierte lateinische Lemma markiert den rhetorischen Zuschnitt; die englische Fachfassung erklärt diesen engeren Fokus ausdrücklich.
Fachliche Beziehungen: begründete Leserverweise
Die Beziehung wird jeweils benannt und erläutert. Diese Leserverweise ersetzen weder einen gemeinsamen Registertreffer noch eine neu kanonisierte Relationskante.
Vorgeschlagener Denkweg
Wann klärt eine Frage auf und wann macht sie aus Wissen eine Falle?
Dissimulatio → Peirastik → Ironie → Dissimulatio
Gegenprobe und Rückkehr
Wer eine Antwort wirklich nicht kennt, verstellt sein Wissen nicht. Auch eine Prüfungsfrage ist nicht automatisch täuschend: Ist die Prüfungsrolle bekannt, kann die scheinbare Informationssuche transparent sein. Einzelne Fragen reichen daher nicht, eine verborgene Absicht zu diagnostizieren.
Die Route ist ein redaktionelles Erkundungsangebot. Sie behauptet keine notwendige Reihenfolge der Begriffe. Rückkehr: Dissimulatio
Quellenstatus und Provenienz
Die Texte sind redaktionell angenommen. Diese Annahme verwandelt Referenzwerk, Abstract oder Registerbeleg nicht in eine vollständige Primärquellenprüfung. Beispiele und Denkfolge sind eigenständige Atlasanwendungen.
- Historisches Wörterbuch der Rhetorik: Dissimulatio · Sp. 885–886; Definition und Reichweiten
Begriffsrahmen, dokumentierte Fachgeschichte und im Profil benannte Worterklärung.
Referenzwerk als geprüfte Vermittlungsquelle. Dort zitierte Originalwerke nicht pauschal als selbst gelesen ausgegeben; keine unbelegte DE-/EN-Erstbelegdatierung.