ATLAS DER SPRACHE

AT-ADD-20261015-0004 · ATLAS 259

Dissimulatio

Dissimulatio ist rhetorische Verstellung durch Zurückhalten von Wissen oder Absicht, besonders die vorgegebene Unwissenheit, die ein Gegenüber zur Selbstfestlegung bewegt.

Teil des Themenwegs Pragmatik und Gespräch

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Das Profil zeigt, dass eine Frage nicht nur Information suchen, sondern vorhandenes Wissen zurückhalten und eine Selbstfestlegung des Gegenübers herbeiführen kann. Es macht die Wissensverteilung im Gespräch sichtbar.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Eine Frage verteilt Rollen: Eine Person scheint Wissen zu suchen, die andere darf es liefern. Dissimulatio kann diese Verteilung inszenieren. Der Fragende hält sein Wissen zurück, damit die Antwort eine Behauptung, einen Widerspruch oder eine Haltung sichtbar macht. Das Verfahren lässt sich nicht an der Frageform allein erkennen. Es benötigt einen Kontext, der die Diskrepanz zwischen gezeigtem und vorhandenem Wissen begründet. Die Tradition umfasst auch weiter reichende Verstellung. Das Profil konzentriert sich auf die wissensbezogene Gesprächsbewegung, ohne diese engere Atlasperspektive zur einzig zulässigen Definition zu erklären. Pädagogische Prüfung, schonendes Offenlassen und manipulative Bloßstellung können ähnlich aussehen, ethisch aber sehr verschieden sein.

Denkbewegung

1. Die Beteiligten verfügen nicht über dasselbe Wissen oder zeigen es unterschiedlich. 2. Ein Beitrag stellt die wissende Person als fragend oder unentschieden dar. 3. Das Gegenüber legt sich durch seine Antwort fest. 4. Zusatzwissen oder eine Folgefrage macht die Diskrepanz sichtbar. 5. Die Rückkehr prüft Erkenntnisgewinn, Fairness und mögliche Gesichtsverletzung.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Gesprächsanalytisch wären Wissenszugang, Fragefolge, Antwort und spätere Offenlegung zu rekonstruieren. Das ist ein Anwendungsfall, keine Erlaubnis zum Gedankenlesen: Die Verfügbarkeit des Wissens braucht einen Beleg.

Beispiel

Eine Teamleitung besitzt eine schriftliche Gegenstimme. Auf „Alle waren einverstanden“ fragt sie zunächst: „Wirklich alle?“ Erst nach der bekräftigenden Antwort legt sie die Gegenstimme vor. Die Analyse unterscheidet die mögliche Klärung einer falschen Behauptung von der unnötigen Inszenierung einer Falle. Erfundener Dialog.

Gegenbeispiel

Wer eine Antwort wirklich nicht kennt, verstellt sein Wissen nicht. Auch eine Prüfungsfrage ist nicht automatisch täuschend: Ist die Prüfungsrolle bekannt, kann die scheinbare Informationssuche transparent sein. Einzelne Fragen reichen daher nicht, eine verborgene Absicht zu diagnostizieren.

Abgrenzung

Ironie ist das weitere Nachbarfeld, nicht auf diese Technik beschränkt. Peirastik prüft Wissensansprüche; Dissimulatio kann ein Mittel dazu sein, muss es aber nicht. Schweigen über private Informationen ist nicht ohne Weiteres rhetorische Verstellung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die Frage erzeugt eine Bühne der Selbstfestlegung. Das kann unbegründete Sicherheit aufbrechen oder Vertrauen zerstören, wenn Aufklärung zur Bloßstellung wird.

Resonanz

Eine Antwort begegnet einem Wissen, das zunächst im Hintergrund blieb. Die Resonanzprüfung fragt, ob daraus gemeinsame Klärung oder nur ein einseitiger Triumph entsteht.

Etymologie

Die lateinische Benennung gehört zum Wortfeld des Verbergens und Sichverstellens. Die traditionelle Form bleibt im deutschen Fachlemma erhalten; ein deutscher Erstbeleg wird nicht behauptet.

Provenienz

DE/EN redaktionell angenommen am 15.10.2026. Historischer Bezug, Sprachvergleich und Quellenstatus sind im vollständigen Profil gesondert ausgewiesen.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Dissimulatio“. Atlas der Sprache, AT-ADD-20261015-0004. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261015-0004

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261015-0004

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Leitfrage

Was geschieht, wenn jemand eine Frage stellt, deren Antwort er bereits kennt?

Fünf Koordinatenfragen

Die folgenden Beschreibungen erläutern dieses Profil. Sie sind noch keine kontrollierten Registerwerte und erzeugen keine gemeinsamen Registertreffer.

Woran ist der Vorgang beobachtbar?
Frage-Antwort-Folgen mit belegbarem Wissenszugang.
Was geschieht mit dem Material?
Wissen zurückhalten und eine Selbstfestlegung anbahnen.
Auf welcher Ebene verändert sich etwas?
Wissensordnung, Beziehung und Urteil.
Welche zeitliche Struktur ist nötig?
Sequenziell: Frage, Festlegung, mögliche Offenlegung.
Woran lässt sich die Beschreibung prüfen?
Wissensbelege und Fortgang statt nur isolierte Frageform prüfen.

Historischer Bezug

Der HWRh-Artikel ordnet Dissimulatio häufig der Gedankenfigur Ironie zu und unterscheidet verschiedene Reichweiten ihres Gebrauchs. Die historische Nachbarschaft zur sokratischen Verstellung erklärt einen wichtigen Zugang, nicht die vollständige Gleichsetzung aller sokratischen Fragen mit Täuschung.

Sprachvergleich und Fachfassung

Englisch dissimulation kann allgemein das Verbergen von Gefühlen oder Absichten meinen. Das profilierte lateinische Lemma markiert den rhetorischen Zuschnitt; die englische Fachfassung erklärt diesen engeren Fokus ausdrücklich.

Fachliche Beziehungen: begründete Leserverweise

Die Beziehung wird jeweils benannt und erläutert. Diese Leserverweise ersetzen weder einen gemeinsamen Registertreffer noch eine neu kanonisierte Relationskante.

  • Ironie · Historische Zuordnung

    Häufig dem Feld der Ironie zugeordnet; kein vollständiges Synonym.

  • Elenchos · Mögliches Mittel

    Verstellung kann eine widerlegende Prüfung unterstützen; die Verfahren bleiben unterscheidbar.

Vorgeschlagener Denkweg

Wann klärt eine Frage auf und wann macht sie aus Wissen eine Falle?

Dissimulatio → Peirastik → Ironie → Dissimulatio

Gegenprobe und Rückkehr

Wer eine Antwort wirklich nicht kennt, verstellt sein Wissen nicht. Auch eine Prüfungsfrage ist nicht automatisch täuschend: Ist die Prüfungsrolle bekannt, kann die scheinbare Informationssuche transparent sein. Einzelne Fragen reichen daher nicht, eine verborgene Absicht zu diagnostizieren.

Die Route ist ein redaktionelles Erkundungsangebot. Sie behauptet keine notwendige Reihenfolge der Begriffe. Rückkehr: Dissimulatio

Quellenstatus und Provenienz

Die Texte sind redaktionell angenommen. Diese Annahme verwandelt Referenzwerk, Abstract oder Registerbeleg nicht in eine vollständige Primärquellenprüfung. Beispiele und Denkfolge sind eigenständige Atlasanwendungen.

  • Historisches Wörterbuch der Rhetorik: Dissimulatio · Sp. 885–886; Definition und Reichweiten

    Begriffsrahmen, dokumentierte Fachgeschichte und im Profil benannte Worterklärung.

    Referenzwerk als geprüfte Vermittlungsquelle. Dort zitierte Originalwerke nicht pauschal als selbst gelesen ausgegeben; keine unbelegte DE-/EN-Erstbelegdatierung.