ATLAS DER SPRACHE

AT-ADD-20261020-0003 · ATLAS 261

Metastasis

Die Handlung bleibt bestehen, ihre Verantwortungszurechnung wird auf andere Personen oder Umstände verschoben.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Das Profil macht eine konkrete argumentative Umbuchung sichtbar: von Wer hat gehandelt? zu Wer soll dafür einstehen? Das ist in Verwaltung, Öffentlichkeit und privaten Konflikten unmittelbar anwendbar.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Im hier ausgewählten gerichtsrhetorischen Sinn der remotio criminis wird nicht vorrangig bestritten, was geschehen ist. Strittig wird, wem es zuzurechnen ist: Befehl, äußere Umstände oder ein Dritter sollen die Belastung übernehmen. Der HWdR-Artikel dokumentiert daneben andere historische Verwendungen, etwa Personen- und Zeitwechsel. Das neue Profil müsste diese Mehrdeutigkeit benennen und seinen Schwerpunkt ausdrücklich begrenzen. Handlung, Ursache und Verantwortung fallen nicht notwendig zusammen. Eine Anordnung kann Verantwortung verteilen, ohne sie vollständig zu übertragen; vorhandener Handlungsspielraum kann zusätzlich zählen. Der Atlas rekonstruiert deshalb zunächst die angebotene Umbuchung und bewertet erst danach, ob ihre sachlichen Voraussetzungen vorliegen. Die Diagnose einer Figur ersetzt kein Urteil über Schuld.

Denkbewegung

1. Die zugestandene Handlung benennen 2. Das neue Zurechnungsziel bestimmen 3. Den behaupteten Zusammenhang prüfen 4. Eigenen Handlungsspielraum und geteilte Verantwortung untersuchen

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine Argumentationsanalyse kann Eingeständnis und Entlastungsgrund getrennt kodieren. Institutionelle oder juristische Verantwortung muss nach dem jeweils geltenden, gesondert geprüften Maßstab beurteilt werden.

Beispiel

„Ja, ich habe die Daten gelöscht. Aber die Verantwortung liegt bei der Leitung: Sie hat die Löschung ausdrücklich angeordnet.“ Die Analyse prüft anschließend Auftrag, Entscheidungsspielraum und Mitverantwortung.

Gegenbeispiel

Weder jede Verantwortungsteilung noch jeder Hinweis auf einen Zwang ist eine Ausrede. Die Operation ist zunächst zu beschreiben, anschließend sachlich zu prüfen.

Abgrenzung

Dicaeologia und Rechtfertigung behandeln die Entlastung umfassender; Metastasis fokussiert die Verschiebung der Zurechnung. Retorsion wendet einen Maßstab auf seinen Urheber zurück; Tu quoque lenkt durch den Gegenvorwurf ab. Metabasis ist nicht aufgrund der ähnlichen Schreibform gleichzusetzen. Historische Benennungen können sich dennoch überschneiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Aus einer scheinbar beantworteten Täterfrage werden mehrere prüfbare Fragen nach Auftrag, Einfluss und Entscheidung.

Resonanz

Der entlastende Satz kann Verständnis öffnen oder Empörung auslösen. Beides ist noch kein Nachweis, dass die Zurechnung stimmt.

Etymologie

Metastasis gehört zu den überlieferten Bezeichnungen für Verschiebung oder Übertragung. Die Medizin verwendet denselben Wortkörper anders; dieser Gebrauch bestimmt nicht das rhetorische Profil.

Provenienz

Der HWdR dokumentiert mehrere rhetorische Verwendungen. Hier führt der gerichtsrhetorische Schwerpunkt der remotio criminis; andere Figurenlexika setzen den Akzent teils enger auf die Rückwendung gegen den Gegner.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Metastasis“. Atlas der Sprache, AT-ADD-20261020-0003. ATLAS 261, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261020-0003

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261020-0003

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-20. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Leitfrage

Wer hat gehandelt, und wer soll dafür einstehen?

Fünf Koordinatenfragen

Diese Beschreibungen erläutern das Profil. Sie sind keine kontrollierten Registerwerte und erzeugen keine gemeinsamen Registertreffer.

Woran ist der Vorgang beobachtbar?

„Ja, ich habe die Daten gelöscht. Aber die Verantwortung liegt bei der Leitung: Sie hat die Löschung ausdrücklich angeordnet.“ Die Analyse prüft anschließend Auftrag, Entscheidungsspielraum und Mitverantwortung.

Was geschieht mit dem Material?

Die zugestandene Handlung benennen

Das neue Zurechnungsziel bestimmen

Den behaupteten Zusammenhang prüfen

Eigenen Handlungsspielraum und geteilte Verantwortung untersuchen

Auf welcher Ebene verändert sich etwas?

Aus einer scheinbar beantworteten Täterfrage werden mehrere prüfbare Fragen nach Auftrag, Einfluss und Entscheidung.

Welche zeitliche Struktur ist ausdrücklich beschrieben?

Die Denkbewegung enthält eine vorgeschlagene Prüffolge; sie ist keine behauptete Echtzeitabfolge psychischer Vorgänge. Der jeweilige Beispielsverlauf und die historische Entwicklung sind getrennt zu lesen.

Woran lässt sich die Beschreibung prüfen?

Weder jede Verantwortungsteilung noch jeder Hinweis auf einen Zwang ist eine Ausrede. Die Operation ist zunächst zu beschreiben, anschließend sachlich zu prüfen.

Historischer Bezug

Der HWdR dokumentiert mehrere rhetorische Verwendungen. Hier führt der gerichtsrhetorische Schwerpunkt der remotio criminis; andere Figurenlexika setzen den Akzent teils enger auf die Rückwendung gegen den Gegner.

Sprachvergleich und Fachfassung

Im Englischen ist das unqualifizierte metastasis stark medizinisch besetzt. Responsibility shifting erläutert den ausgewählten Sinn, ohne alle historischen Verwendungen abzudecken.

Fachliche Vergleiche und Abgrenzungen

Die folgenden Profile sind redaktionelle Vergleichsanker für die Abgrenzung in diesem Artikel. Dies sind keine neuen kanonischen Relationskanten und keine gemeinsamen Registertreffer.

Vorgeschlagener Denkweg

  1. Die zugestandene Handlung benennen
  2. Das neue Zurechnungsziel bestimmen
  3. Den behaupteten Zusammenhang prüfen
  4. Eigenen Handlungsspielraum und geteilte Verantwortung untersuchen

Ein redaktionelles Erkundungsangebot, keine notwendige Denkfolge und kein experimenteller Wirkungsnachweis.

Quellenstatus und Provenienz

Beide Fachfassungen sind redaktionell angenommen. Der Nachweisumfang der ausgewerteten Referenzwerke bleibt erhalten; dies ist keine neue Vollprüfung sämtlicher Primärquellen. Beispiele und Prüffolgen sind Atlasanwendungen.