ATLAS DER SPRACHE

AT-RHE-0002 · ATLAS 262

Metapher

Verstehen oder Benennen eines Gegenstandsbereichs durch einen anderen.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Metapher macht untersuchbar, wie ein Gegenstandsbereich durch einen anderen verstanden wird. Der Eintrag eröffnet die Gegenprobe, welche Eigenschaften die Übertragung sichtbar macht und welche sie verdeckt. Er unterscheidet damit Perspektivgewinn von einer bloß schmückenden Formulierung.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Eine Metapher lässt einen Gegenstandsbereich im Licht eines anderen erscheinen. Dabei wird nicht einfach ein Wort durch ein schöneres ersetzt. Eigenschaften, Beziehungen und mögliche Folgerungen des einen Bereichs werden auf den anderen projiziert: Wenn ein Gedanke „keimt“, erhält er Wachstum, Zeit, Pflege und die Möglichkeit des Verkümmerns. Jede Metapher macht daher etwas besonders deutlich und lässt anderes zurücktreten. Sie kann als einzelne Formulierung auftreten, aber auch ein ganzes Argument oder Weltbild organisieren. Ihre Erkenntniskraft liegt nicht in vollständiger Gleichheit, sondern in einer produktiven, stets begrenzten Übertragung. Nur das Bildwort wird ausgesprochen: „Der Hai hat unterschrieben.“ Welche Person damit gemeint ist und welche Eigenschaften die Darstellung hervorhebt, wird aus der Verhandlungssituation erschlossen. Harjung bietet dafür den historischen Zugang Hypokatastasis. Das ist kein Grund, Metaphern insgesamt auf ausdrücklich nebeneinander genannte Bild- und Sachträger zu beschränken. Entscheidend bleibt die nachvollziehbare Übertragung und ihr Kontext; die fehlende ausdrückliche Nennung einer Person begründet für sich noch keine weitere Denkoperation.

Denkbewegung

1. Ein zunächst schwer zugänglicher Gegenstand verlangt nach einer Form. 2. Ein zweiter, vertrauterer Bereich stellt Bilder und Beziehungen bereit. 3. Ausgewählte Strukturen werden übertragen, andere bleiben ausgeschlossen. 4. Die Übertragung eröffnet neue Schlüsse und erzeugt zugleich einen blinden Fleck. 5. Die Rückkehr zum Ausgangsgegenstand zeigt, dass er nun anders gegliedert wahrgenommen wird.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine Metaphernanalyse kann zunächst Quell- und Zielbereich bestimmen, dann die übertragenen Relationen und die ausgelassenen Eigenschaften rekonstruieren. In politischen oder wissenschaftlichen Korpora lässt sich anschließend prüfen, welche Handlungsoptionen durch wiederkehrende Metaphern nahegelegt oder verdrängt werden.

Beispiel

Ein Gedanke keimt. „Dieser Einwand sprengt den Rahmen der Debatte.“ Die räumliche Vorstellung eines Rahmens ordnet, was innerhalb der Debatte als passend gilt und was außerhalb liegt.

Gegenbeispiel

„Dieses gedruckte Buch wiegt 500 Gramm“ kann bei einer wirklichen Wägung eine wörtliche Gewichtsangabe sein. Ob ein Ausdruck metaphorisch verwendet wird, muss an seiner Bedeutung im jeweiligen Kontext geprüft werden; konventioneller Gebrauch allein schließt Metaphorik nicht aus.

Abgrenzung

Von Vergleich, Metonymie und Allegorie unterscheiden. Der Vergleich markiert Ähnlichkeit ausdrücklich; Metonymie verschiebt innerhalb eines sachlichen Zusammenhangs; eine Allegorie kann eine ausgedehnte, systematisch lesbare Bildebene bilden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Metaphern verdichten Erfahrung, lenken Schlussfolgerungen und können unbemerkte Vorentscheidungen in scheinbar selbstverständliche Bilder einschreiben.

Resonanz

Zwei Bedeutungsfelder bleiben verschieden und beginnen gerade durch ihre unvollständige Entsprechung miteinander zu arbeiten.

Etymologie

griech. metaphorá „Übertragung“

Provenienz

Antike Tropenlehre → Poetik → kognitive Metapherntheorie

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Metapher“. Atlas der Sprache, AT-RHE-0002. ATLAS 262, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RHE-0002

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RHE-0002

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-29. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Begründete Lesewege

Die Übergänge erläutern, was das nächste Profil zusätzlich erschließt. Sie behaupten weder Synonymie noch eine zwingende historische Abfolge.

Wie Beschreibungen Urteile vorbereiten
  1. Metapher

    Das einzelne Bild lenkt den Blick auf die Auswahl eines größeren Deutungsrahmens.

  2. Framing

    Am Deutungsrahmen wird anschließend untersucht, welche Voraussetzungen im Sprechen bereits als gegeben erscheinen.

  3. Präsupposition

    Eine mitgeführte Voraussetzung ist von den ausdrücklich angebotenen Gründen zu unterscheiden.

  4. Argumentation

    Von den Gründen einer einzelnen Aussage führt der Weg zur möglichen Verfestigung eines Gegnerschemas. Ein solches Schema muss am Material nachgewiesen werden.

  5. Feindbild
Wenn Dinge eine menschliche Stimme erhalten
  1. Repräsentation

    Aus der weiteren Frage des Darstellens wird ein bestimmtes sprachliches Übertragungsverfahren herausgegriffen.

  2. Metapher

    Die Übertragung wird auf den Fall zugespitzt, dass etwas als sprechende oder handelnde Person gestaltet wird.

  3. Personifikation

    Die ausgeführte Personengestaltung wird von weiter reichenden menschlich geprägten Zuschreibungen unterschieden.

  4. Anthropomorphismus

    Bei der angeblichen Stimme von Dingen oder Daten wird besonders die Herkunft einer Botschaft und die menschliche Deutungsverantwortung untersucht.

  5. Sprechmetaphorik

Historischer Hintergrund

Duden führt deutsch Metapher über lateinisch metaphora auf griechisch metaphorá zurück. Merriam-Webster dokumentiert für englisch metaphor eine mittelenglische Form mit französischer oder lateinischer Vermittlung und nennt das 15. Jahrhundert als frühesten bekannten Gebrauch. Die Quellen teilen das Übertragungsbild, unterscheiden aber die angegebenen Vermittlungsschritte. Diese Wortgeschichten begründen keine einzige verbindliche rhetorische oder kognitive Metapherntheorie.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Gemeinsame Herkunft und gesonderte Entlehnungsbeschreibung lassen sich verbinden, ohne eine künstliche Bedeutungsopposition zu erzeugen.

Präzisierte Kurzdefinition

Eine Metapher erschließt einen Gegenstand durch einen Ausdruck aus einem anderen Bedeutungsbereich.

Ergänzende Vertiefung

„Das Gespräch ist eine Brücke“ macht Verbindung sichtbar. Dieselbe Situation als „Schlachtfeld“ zu bezeichnen lenkt den Blick auf Gegner, Angriffe und Siege. Wir prüfen, welche Beziehungen die Übertragung anbietet und welche sie verdrängt.

Die historische Herkunft im Bild des Übertragens hilft dabei, die Analysefrage verständlich zu machen: Was wandert von einem Bereich in den anderen? Die Gegenprobe nimmt das Bild wieder zurück. Ein Gespräch hat keine tragende Stahlkonstruktion; Kritik ist nicht notwendig ein Angriff. Resonanz entsteht, wenn die Übertragung eine neue Sicht eröffnet und wir zugleich bemerken, wo ihre Erklärungskraft endet.

Ergänzendes Beispiel

Eigenes Beispiel: Ein Team nennt Rückmeldungen „Bausteine“. Das lädt zum gemeinsamen Aufbau ein. Gegenprobe: Eine verletzende Äußerung wird durch das positive Bild nicht automatisch hilfreich.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.