ATLAS DER SPRACHE

AT-ADD-20261020-0012 · ATLAS 261

Cento

Ein Cento setzt übernommene Textstücke zu einem neuen Text zusammen. Der Wortlaut der Teile bleibt erkennbar an Vorlagen gebunden; durch ihre neue Verbindung entsteht ein anderer Sinnzusammenhang.

Teil des Themenwegs Poetik, Narration und Darstellung

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Hier wird Originalität nicht nur als Erfindung neuer Wörter sichtbar, sondern als neue Beziehung zwischen bereits formulierten Teilen. Das Verfahren macht unmittelbar erfahrbar, dass gleicher Wortlaut nicht gleichen Sinn garantiert. Es zeigt zugleich, wie eine fremde Stimme produktiv aufgenommen oder vereinnahmt werden kann.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Hier wird Originalität nicht nur als Erfindung neuer Wörter sichtbar, sondern als neue Beziehung zwischen bereits formulierten Teilen. Das Verfahren macht unmittelbar erfahrbar, dass gleicher Wortlaut nicht gleichen Sinn garantiert. Es zeigt zugleich, wie eine fremde Stimme produktiv aufgenommen oder vereinnahmt werden kann. Gleicher Wortlaut bewahrt nicht automatisch denselben Sinn. Eine Verszeile erhält durch die neue Nachbarschaft andere Sprecher, zeitliche Bezüge oder Folgerungen. Die Herkunft muss deshalb zweifach lesbar bleiben: als konkreter übernommener Wortlaut und als veränderter Zusammenhang. Ein Cento kann die Vorlagen würdigen, umdeuten oder gegen ihren früheren Gebrauch wenden.

Denkbewegung

1. Übernommene Teile und ihre früheren Zusammenhänge bestimmen 2. nach einer offengelegten Regel neu kombinieren 3. den neuen Zusammenhang lesen 4. erhaltene Herkunft und veränderte Aussage vergleichen

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine textvergleichende Analyse kann jede übernommene Einheit ihrer Vorlage zuordnen und die semantischen Veränderungen durch ihre neue Position erläutern.

Beispiel

Eigene Miniatur zum Prinzip, kein antiker metrischer Cento: Drei eigens verfasste Vorlagensätze lauten „Der Abend sammelt Fragen.“, „Am Fenster wartet Licht.“ und „Der Morgen beginnt leise.“ Aus unveränderten Wortgruppen entsteht „Der Morgen sammelt Fragen. Am Fenster wartet Licht.“ Das Neue liegt in der anderen Nachbarschaft; die frühere Herkunft bleibt im Materialprotokoll sichtbar.

Gegenbeispiel

Nicht jede Zitatsammlung ist ein Cento, nicht jede Montage besteht aus Textübernahmen, und nicht jede erkennbare Entlehnung ist schon ein Plagiat. Die historisch strengen metrischen Regeln und spätere weitere Praktiken werden unterschieden. Ein historisch beschriebenes Verfahren begründet keine pauschale Erlaubnis zur Nutzung beliebiger fremder Texte; das Atlasbeispiel verwendet nur eigens verfasstes Material.

Abgrenzung

Zitat: Ein Zitat kann ein einzelner Beleg in einem eigenen Text sein. Beim Cento trägt die Rekombination übernommener Teile die Herstellung des neuen Textes selbst. Intertextualität: Das weitere Beziehungsfeld umfasst auch Anspielungen und nur erschlossene Erinnerungen. Der Cento verlangt eine konkrete, am Wortmaterial nachweisbare Übernahme und Zusammenfügung. Imitatio auctorum: Die kreative Orientierung am Vorbild kann dessen Verfahren ohne dessen Wortlaut übertragen. Der Cento arbeitet gerade mit übernommenem sprachlichem Material. Parodie: Ein Cento kann parodistisch sein, muss aber nicht verspotten. Der Quellenartikel zeigt auch ernsthafte religiöse Umdeutungen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Originalität erscheint als Beziehungsleistung, nicht nur als Erfindung neuer Wörter.

Resonanz

Die wiedererkennbare fremde Stimme kann zugleich vertraut und überraschend werden. Das Erkennen der Herkunft bereichert die Lektüre, ohne eine Reaktion vorzuschreiben.

Etymologie

Cento bezeichnet im Lateinischen einen aus Stücken zusammengesetzten Gegenstand, besonders ein Flickengewand. Die literarische Benennung überträgt das Zusammenfügen auf Textmaterial.

Provenienz

Der HWdR unterscheidet antike metrisch strenge Formen und spätere weitere Rekombinationspraktiken, darunter ernsthafte religiöse Umarbeitungen. Das Profil erklärt diese Reichweite ohne neue Datierungen einzelner Werke.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Cento“. Atlas der Sprache, AT-ADD-20261020-0012. ATLAS 261, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261020-0012

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261020-0012

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-20. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Leitfrage

Wie kann ich etwas Neues sagen, obwohl ich die Wörter nicht neu erfunden habe?

Fünf Koordinatenfragen

Diese Beschreibungen erläutern das Profil. Sie sind keine kontrollierten Registerwerte und erzeugen keine gemeinsamen Registertreffer.

Woran ist der Vorgang beobachtbar?

Eigene Miniatur zum Prinzip, kein antiker metrischer Cento: Drei eigens verfasste Vorlagensätze lauten „Der Abend sammelt Fragen.“, „Am Fenster wartet Licht.“ und „Der Morgen beginnt leise.“ Aus unveränderten Wortgruppen entsteht „Der Morgen sammelt Fragen. Am Fenster wartet Licht.“ Das Neue liegt in der anderen Nachbarschaft; die frühere Herkunft bleibt im Materialprotokoll sichtbar.

Was geschieht mit dem Material?

Übernommene Teile und ihre früheren Zusammenhänge bestimmen

nach einer offengelegten Regel neu kombinieren

den neuen Zusammenhang lesen

erhaltene Herkunft und veränderte Aussage vergleichen

Auf welcher Ebene verändert sich etwas?

Originalität erscheint als Beziehungsleistung, nicht nur als Erfindung neuer Wörter.

Welche zeitliche Struktur ist ausdrücklich beschrieben?

Die Denkbewegung enthält eine vorgeschlagene Prüffolge; sie ist keine behauptete Echtzeitabfolge psychischer Vorgänge. Der jeweilige Beispielsverlauf und die historische Entwicklung sind getrennt zu lesen.

Woran lässt sich die Beschreibung prüfen?

Nicht jede Zitatsammlung ist ein Cento, nicht jede Montage besteht aus Textübernahmen, und nicht jede erkennbare Entlehnung ist schon ein Plagiat. Die historisch strengen metrischen Regeln und spätere weitere Praktiken werden unterschieden. Ein historisch beschriebenes Verfahren begründet keine pauschale Erlaubnis zur Nutzung beliebiger fremder Texte; das Atlasbeispiel verwendet nur eigens verfasstes Material.

Historischer Bezug

Der HWdR unterscheidet antike metrisch strenge Formen und spätere weitere Rekombinationspraktiken, darunter ernsthafte religiöse Umarbeitungen. Das Profil erklärt diese Reichweite ohne neue Datierungen einzelner Werke.

Sprachvergleich und Fachfassung

Cento bleibt in beiden Sprachen als Spezialbezeichnung erhalten. Patchwork poem ist anschaulich, deckt aber nicht alle historischen und späteren Formen ab.

Fachliche Vergleiche und Abgrenzungen

Die folgenden Profile sind redaktionelle Vergleichsanker für die Abgrenzung in diesem Artikel. Dies sind keine neuen kanonischen Relationskanten und keine gemeinsamen Registertreffer.

Vorgeschlagener Denkweg

  1. Übernommene Teile und ihre früheren Zusammenhänge bestimmen
  2. nach einer offengelegten Regel neu kombinieren
  3. den neuen Zusammenhang lesen
  4. erhaltene Herkunft und veränderte Aussage vergleichen

Ein redaktionelles Erkundungsangebot, keine notwendige Denkfolge und kein experimenteller Wirkungsnachweis.

Quellenstatus und Provenienz

Beide Fachfassungen sind redaktionell angenommen. Der Nachweisumfang der ausgewerteten Referenzwerke bleibt erhalten; dies ist keine neue Vollprüfung sämtlicher Primärquellen. Beispiele und Prüffolgen sind Atlasanwendungen.