Vertiefung
Agglutination beschreibt eine morphologische Bauweise mit relativ gut abgrenzbaren, aufeinanderfolgenden Bestandteilen und vergleichsweise transparenter Funktionszuordnung. Das ist eine Tendenz, keine Forderung nach vollkommen unveränderlichen Morphemen. Lautliche Anpassungen können trotz erkennbarer Grenzen auftreten. Für den Verweis aus Polysynthese sind zwei Fragen auseinanderzuhalten: Wie viel Information bündelt ein Wort, und wie werden seine Bestandteile mit Funktionen verbunden? Ein langes Wort beweist keine Agglutination. Die Analyse prüft Segmentierbarkeit, Exponenz und Allomorphie gesondert, auch innerhalb derselben Sprache und verschiedener Paradigmen.
Denkbewegung
1. Vergleichbare Wortformen werden gesammelt. 2. Wiederkehrende Bestandteile werden segmentiert. 3. Die Zuordnung zu grammatischen Merkmalen wird geprüft. 4. Lautliche Varianten werden berücksichtigt. 5. Bündelungsgrad und Funktionszuordnung werden getrennt beschrieben.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Eine Paradigmenanalyse kann Segmentierung und Merkmalszuordnung vergleichen; ihre Kriterien werden vor einem typologischen Vergleich festgelegt.
Beispiel
Im Quellenbeispiel ember-ek-nek „Menschen im Dativ“ lassen sich im Ungarischen Stamm, Plural und Dativ markieren. Das Beispiel ist kein Gesamturteil über jede ungarische Form.
Gegenbeispiel
Eine lange Zusammensetzung liefert allein keinen Beleg. Ein einzelnes Formativ, das mehrere Merkmale zugleich ausdrückt, verlangt eine andere Exponenzbeschreibung.
Abgrenzung
Von bloßer Verkettung, Synthesegrad, Polysynthese und kumulativer Exponenz unterscheiden. Agglutination ist keine starre Eigenschaft aller Formen einer Sprache.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Die getrennte Analyse kann Unterschiede sichtbar machen, die eine pauschale Sprachtypbezeichnung verdeckt.
Resonanz
Die Bedeutung wächst in erkennbaren Schritten, während die Übergänge ihre eigenen Spuren behalten.
Provenienz
Haspelmath/Sims behandeln Morphemstruktur und Flexion; Croft stellt typologische Achsen und Vergleichbarkeit in den Vordergrund. Gemeinsam erlauben sie eine musterbezogene, keine absolute Sprachklassifikation. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Agglutination“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-003. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-003Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.