ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G02-003 · ATLAS 259

Agglutination

Agglutination bezeichnet ein morphologisches Muster, bei dem Wortformen aus relativ gut segmentierbaren Morphemen aufgebaut sind und einzelne Bestandteile häufig relativ klar zuordenbare Funktionen tragen.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Agglutination erlaubt den Vergleich morphologischer Segmentierbarkeit und Funktionszuordnung zwischen Sprachen. Sie ist als graduelles Muster und nicht als starre Eigenschaft ganzer Sprachen zu behandeln.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Agglutination beschreibt eine morphologische Bauweise mit relativ gut abgrenzbaren, aufeinanderfolgenden Bestandteilen und vergleichsweise transparenter Funktionszuordnung. Das ist eine Tendenz, keine Forderung nach vollkommen unveränderlichen Morphemen. Lautliche Anpassungen können trotz erkennbarer Grenzen auftreten. Für den Verweis aus Polysynthese sind zwei Fragen auseinanderzuhalten: Wie viel Information bündelt ein Wort, und wie werden seine Bestandteile mit Funktionen verbunden? Ein langes Wort beweist keine Agglutination. Die Analyse prüft Segmentierbarkeit, Exponenz und Allomorphie gesondert, auch innerhalb derselben Sprache und verschiedener Paradigmen.

Denkbewegung

1. Vergleichbare Wortformen werden gesammelt. 2. Wiederkehrende Bestandteile werden segmentiert. 3. Die Zuordnung zu grammatischen Merkmalen wird geprüft. 4. Lautliche Varianten werden berücksichtigt. 5. Bündelungsgrad und Funktionszuordnung werden getrennt beschrieben.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine Paradigmenanalyse kann Segmentierung und Merkmalszuordnung vergleichen; ihre Kriterien werden vor einem typologischen Vergleich festgelegt.

Beispiel

Im Quellenbeispiel ember-ek-nek „Menschen im Dativ“ lassen sich im Ungarischen Stamm, Plural und Dativ markieren. Das Beispiel ist kein Gesamturteil über jede ungarische Form.

Gegenbeispiel

Eine lange Zusammensetzung liefert allein keinen Beleg. Ein einzelnes Formativ, das mehrere Merkmale zugleich ausdrückt, verlangt eine andere Exponenzbeschreibung.

Abgrenzung

Von bloßer Verkettung, Synthesegrad, Polysynthese und kumulativer Exponenz unterscheiden. Agglutination ist keine starre Eigenschaft aller Formen einer Sprache.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die getrennte Analyse kann Unterschiede sichtbar machen, die eine pauschale Sprachtypbezeichnung verdeckt.

Resonanz

Die Bedeutung wächst in erkennbaren Schritten, während die Übergänge ihre eigenen Spuren behalten.

Provenienz

Haspelmath/Sims behandeln Morphemstruktur und Flexion; Croft stellt typologische Achsen und Vergleichbarkeit in den Vordergrund. Gemeinsam erlauben sie eine musterbezogene, keine absolute Sprachklassifikation. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Agglutination“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-003. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-003

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-003

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