Vertiefung
Genus ordnet Nomina grammatischen Klassen zu. Sichtbar wird diese Ordnung vor allem daran, welche Formen mit einem Nomen zusammen auftreten. Eine Tischbezeichnung und eine Personenbezeichnung können dieselben Begleiter verlangen, obwohl ihre Gegenstände wenig gemeinsam haben. Die Bezeichnungen Maskulinum, Femininum und Neutrum dürfen deshalb nicht unmittelbar als Eigenschaften der bezeichneten Dinge gelesen werden. Auch die Fachsprache braucht Aufmerksamkeit: Der typologische Begriff agreement erfasst Genusabhängigkeiten breit; manche deutsche Grammatiken beschreiben das vom Nomen bestimmte Genus seiner Begleiter als Rektion. Der Atlas legt diese Terminologie offen. Entscheidend bleibt das beobachtbare Muster, nicht der Eindruck, jede grammatische Klasse müsse eine natürliche Menschen- oder Dinggruppe abbilden.
Denkbewegung
1. Eine Nominalgruppe wird auf wiederkehrende Formübereinstimmungen untersucht. 2. Nomina werden anhand ihrer Begleiter zu grammatischen Klassen zusammengefasst. 3. Die Klassifikation wird an weiteren Konstruktionen überprüft. 4. Grammatische Zuordnung wird von Eigenschaften der bezeichneten Gegenstände getrennt. 5. Die Analyse benennt das verwendete Kongruenz- oder Rektionsmodell ausdrücklich.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Eine Untersuchung kann neue oder entlehnte Nomina mit verschiedenen Begleitern testen und die beobachtete Zuordnung von semantischen Vermutungen getrennt erfassen. Normbeschreibung und tatsächlicher Gebrauch bleiben eigene Auswertungsebenen.
Beispiel
In den selbst gebildeten Reihen „dieser alte Tisch“, „diese alte Lampe“ und „dieses alte Regal“ verändert der Wechsel des Nomens die Formen seiner Begleiter. Alle drei Gegenstände können aus demselben Holz bestehen: Material liefert hier keine Erklärung der Genusverteilung.
Gegenbeispiel
Eine Sprache besitzt nicht allein deshalb ein Genussystem, weil ihr Wortschatz unterschiedliche Personenbezeichnungen enthält. Auch eine gemeinsame Endung mehrerer Nomina reicht als Beweis nicht aus.
Abgrenzung
Genus von Sexus, sozialer Geschlechtszugehörigkeit, Flexionsklasse und bloßer Wortbedeutung unterscheiden. Drei deutsche Genera sind kein universelles Inventar.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Genus macht sichtbar, wie Grammatik Beziehungen zwischen Ausdrücken organisiert, ohne damit unmittelbar eine Theorie über ihre Gegenstände zu liefern.
Resonanz
Ein einzelnes Nomen gibt seinen Begleitern eine Formrichtung vor. Der Zusammenhang wird an mehreren Stellen zugleich hörbar.
Provenienz
Greville G. Corbett: Gender, 1991 erschließt für „Genus“ den Bereich Gender systems, agreement and assignment; Greville G. Corbett: Number of Genders, WALS chapter 30 setzt mit Cross-linguistic counts of gender values einen zweiten, abgrenzenden Schwerpunkt. Der Entwurf verwendet beide für den begrenzten Untersuchungsumfang „Grammatisches Genus als Klassifikation von Nomina mit formalen Kongruenzfolgen.“, ohne bibliographische Arbeitsangaben als neue Volltextlektüre auszugeben. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Genus“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G03-009. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G03-009Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.