Vertiefung
Ein Infinitiv ist eine nichtfinite Verbform. Im Deutschen dient er unter anderem als Wörterbuchform und tritt in unterschiedlichen Verbverbindungen und Infinitivkonstruktionen auf. Seine Form entscheidet jedoch nicht allein über die Struktur des gesamten Satzes. Gerade die Herkunftsverweise Raising und Kontrollkonstruktion zeigen, dass ähnlich aussehende Infinitive mit unterschiedlichen Beziehungen zwischen Beteiligten verbunden sein können. Auch zu ist kein universelles Erkennungszeichen: Deutsche Infinitive kommen mit und ohne dieses Element vor. Der Eintrag trennt daher die morphologische Form von ihrer syntaktischen Einbettung und semantischen Rollenverteilung.
Denkbewegung
1. Die Verbform wird bestimmt. 2. Einbettendes Prädikat und Konstruktion werden untersucht. 3. Die verstandenen Beteiligten werden identifiziert. 4. Anhebung und Kontrolle werden als verschiedene Analysen geprüft. 5. Die Formbeschreibung wird auf die untersuchte Sprache begrenzt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Syntaktische Studien können verschiedene Matrixprädikate vergleichen und ihre Rollen- und Kombinationsbeschränkungen testen.
Beispiel
„Nora scheint zu schlafen“ und „Nora versucht zu schlafen“ enthalten denselben Infinitiv. Versuchen schreibt Nora zusätzlich eine Rolle im übergeordneten Versuchsgeschehen zu.
Gegenbeispiel
Das Fehlen von zu in „Nora kann schlafen“ macht schlafen nicht zu einer finiten Form.
Abgrenzung
Infinitiv von finiter Form, substantiviertem Gebrauch und der gesamten Infinitivkonstruktion unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Der Infinitiv zeigt, dass ähnliche Form nicht gleiche Satzstruktur bedeutet.
Resonanz
Eine Handlung bleibt sprachlich offen für unterschiedliche Einbettungen: als Möglichkeit, Versuch oder erscheinender Sachverhalt.
Provenienz
Rodney Huddleston / Geoffrey K. Pullum: The Cambridge Grammar of the English Language, 2002 erschließt für „Infinitiv“ den Bereich Clause status, infinitivals, coordination, copular clauses and degree; William D. Davies / Stanley Dubinsky: The Grammar of Raising and Control, 2004 setzt mit Infinitival complements, raising and control einen zweiten, abgrenzenden Schwerpunkt. Der Entwurf verwendet beide für den begrenzten Untersuchungsumfang „Nichtfinite Verbform mit sprachspezifischen nominalen und verbalen Eigenschaften.“, ohne bibliographische Arbeitsangaben als neue Volltextlektüre auszugeben. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Infinitiv“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G03-027. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G03-027Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.