Vertiefung
Ein Okkasionalismus ist eine für einen bestimmten Anlass gebildete sprachliche Neuerung. Ihr Verständnis kann stark auf der Situation und auf bekannten Wortbildungsmustern beruhen. Anlassgebundenheit bedeutet jedoch nicht notwendig Unverständlichkeit oder Regelwidrigkeit. Ebenso lässt sich aus einem einzigen Korpusbeleg nicht sicher schließen, dass eine Form nur ein einziges Mal verwendet wurde: Das Korpus zeigt einen Ausschnitt des Gebrauchs. Der Übergang zu einer verbreiteten Neubildung kann fließend sein. Entscheidend ist daher, die lokale Entstehungsfunktion von späterer Verbreitung und lexikalischer Etablierung zu unterscheiden, statt Okkasionalismus und Neologismus allein anhand einer zufälligen Fundzahl auseinanderzuhalten.
Denkbewegung
1. Die ungewöhnliche Bildung wird erfasst. 2. Ihr situativer Anlass wird rekonstruiert. 3. Das zugrunde liegende Bildungsmuster wird beschrieben. 4. Weitere Verwendungen werden gesucht. 5. Lokale Funktion und spätere Etablierung werden getrennt beurteilt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Lexikografische Forschung kann Erstbeleg, Streuung und Wiederaufnahme verfolgen, ohne einen Erstfund mit tatsächlicher Erfindung gleichzusetzen.
Beispiel
Für einen verregneten freien Nachmittag erfindet jemand „Sofasonntag“, obwohl gerade Mittwoch ist. Der Kontext macht die spielerische Neubildung verständlich.
Gegenbeispiel
Ein seltenes Fachwort wird nicht zum Okkasionalismus, nur weil es im untersuchten Korpus einmal vorkommt.
Abgrenzung
Okkasionalismus von Hapaxlegomenon, etabliertem Neologismus, Fehler und grundsätzlich unproduktiver Form unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Die Bildung zeigt produktive Sprachverwendung in einer konkreten Situation.
Resonanz
Ein Wort kann für einen Augenblick entstehen und später dennoch weiterreisen.
Provenienz
Parallel corpus 98f0950771ae4662f291d2f15f5c51b6797f3c20ba458a68615cdb177002ea18; case-bounded source review accepted; human specialist review not claimed.
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Okkasionalismus“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G04-021. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-021Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.