ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G04-021 · ATLAS 259

Okkasionalismus

Ein Okkasionalismus ist eine für einen bestimmten Anlass gebildete sprachliche Neuerung.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Okkasionalismus macht situationsgebundene Neuerung als Gebrauchskategorie der Wortbildung vergleichbar. Sein zusätzlicher Auswahlplatz neben Ad-hoc-Bildung bleibt wegen der starken Überlappung zu prüfen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein Okkasionalismus ist eine für einen bestimmten Anlass gebildete sprachliche Neuerung. Ihr Verständnis kann stark auf der Situation und auf bekannten Wortbildungsmustern beruhen. Anlassgebundenheit bedeutet jedoch nicht notwendig Unverständlichkeit oder Regelwidrigkeit. Ebenso lässt sich aus einem einzigen Korpusbeleg nicht sicher schließen, dass eine Form nur ein einziges Mal verwendet wurde: Das Korpus zeigt einen Ausschnitt des Gebrauchs. Der Übergang zu einer verbreiteten Neubildung kann fließend sein. Entscheidend ist daher, die lokale Entstehungsfunktion von späterer Verbreitung und lexikalischer Etablierung zu unterscheiden, statt Okkasionalismus und Neologismus allein anhand einer zufälligen Fundzahl auseinanderzuhalten.

Denkbewegung

1. Die ungewöhnliche Bildung wird erfasst. 2. Ihr situativer Anlass wird rekonstruiert. 3. Das zugrunde liegende Bildungsmuster wird beschrieben. 4. Weitere Verwendungen werden gesucht. 5. Lokale Funktion und spätere Etablierung werden getrennt beurteilt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Lexikografische Forschung kann Erstbeleg, Streuung und Wiederaufnahme verfolgen, ohne einen Erstfund mit tatsächlicher Erfindung gleichzusetzen.

Beispiel

Für einen verregneten freien Nachmittag erfindet jemand „Sofasonntag“, obwohl gerade Mittwoch ist. Der Kontext macht die spielerische Neubildung verständlich.

Gegenbeispiel

Ein seltenes Fachwort wird nicht zum Okkasionalismus, nur weil es im untersuchten Korpus einmal vorkommt.

Abgrenzung

Okkasionalismus von Hapaxlegomenon, etabliertem Neologismus, Fehler und grundsätzlich unproduktiver Form unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die Bildung zeigt produktive Sprachverwendung in einer konkreten Situation.

Resonanz

Ein Wort kann für einen Augenblick entstehen und später dennoch weiterreisen.

Provenienz

Parallel corpus 98f0950771ae4662f291d2f15f5c51b6797f3c20ba458a68615cdb177002ea18; case-bounded source review accepted; human specialist review not claimed.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Okkasionalismus“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G04-021. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-021

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-021

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