ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G05-033 · ATLAS 259

Unterspezifikation

Unterspezifikation liegt vor, wenn eine sprachliche Bedeutung oder eine analytische Repräsentation bestimmte Information offenlässt.

Teil des Themenwegs Argumentation, Logik und Diskurs

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Unterspezifikation erschließt offengelassene Information als strukturelle Eigenschaft einer Bedeutung oder Analyse. Sie ist von Mehrdeutigkeit und bloß unvollständiger Beschreibung zu unterscheiden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Unterspezifikation liegt vor, wenn eine sprachliche Bedeutung oder eine analytische Repräsentation bestimmte Information offenlässt. Das ist von mehreren ausdrücklich getrennten Lesarten und von unscharfen Kategoriengrenzen zu unterscheiden. Eine Äußerung kann etwa eine Person erwähnen, ohne deren Alter festzulegen; daraus entsteht nicht für jedes mögliche Alter eine eigene Wortbedeutung. Im Sorites-Kontext dient der Begriff vor allem als Gegenvergleich: Die unscharfe Grenze von „Haufen“ ist nicht einfach identisch mit einer ausgelassenen Angabe. Auch bloßes Nichtwissen der analysierenden Person ist noch keine Unterspezifikation der sprachlichen Form selbst.

Denkbewegung

1. Repräsentation bestimmen. 2. Offene Information benennen. 3. Mögliche Kontextfüllung prüfen. 4. Mehrdeutigkeit ausschließen oder belegen. 5. Vagheitsgrenzen gesondert testen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Semantische Modellierung kann festhalten, welche Information kompositionell geliefert und welche später ergänzt wird.

Beispiel

„Jemand wartet draußen“ legt nicht fest, wie alt die wartende Person ist; das muss keine Mehrdeutigkeit von „jemand“ darstellen.

Gegenbeispiel

Dass unklar ist, ab wie vielen Körnern ein Haufen beginnt, beschreibt ein anderes Problem als eine nicht genannte genaue Anzahl.

Abgrenzung

Unterspezifikation von Vagheit, Ambiguität und bloßem Nichtwissen der untersuchenden Person unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Unterspezifikation erlaubt Offenheit ohne notwendig mehrere Bedeutungen zu vervielfachen.

Resonanz

Ein Ausdruck kann genug sagen, ohne alles festzulegen.

Provenienz

Parallel corpus 98f0950771ae4662f291d2f15f5c51b6797f3c20ba458a68615cdb177002ea18; case-bounded source review accepted; human specialist review not claimed.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Unterspezifikation“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G05-033. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G05-033

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G05-033

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