ATLAS DER SPRACHE

AT-ADD-20261016-0008 · ATLAS 260

Fiktion

Fiktion bezeichnet hier das sprachliche Entwerfen von Gegenständen oder Ereignissen, die im jeweiligen Zusammenhang nicht als tatsächlicher Bericht behauptet werden.

Teil des Themenwegs Sprachphilosophie, Denken und Erkenntnis

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Der Atlas arbeitet oft mit selbst erfundenen Beispielen. Ein Fiktionsprofil erklärt, warum solche Fälle Erkenntnis ermöglichen können, ohne historische Belege oder empirische Nachweise zu sein. Der Wechsel des Geltungsmodus wird damit selbst zum Lerngegenstand.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Eine Geschichte beginnt: „In dieser Stadt darf niemand ein unbekanntes Wort verwenden.“ Kein Stadtarchiv muss die Behauptung bestätigen, damit der Leser ihre Folgen durchdenken kann. Das erfundene Verbot eröffnet Fragen nach Neuheit, Kontrolle und Verständigung. Es liefert aber keine Häufigkeitsangabe darüber, wie wirkliche Städte mit neuen Wörtern umgehen. Fiktion verändert die Bedingungen des Wahrheitsanspruchs, nicht automatisch den Wert einer Darstellung. Eine Erzählung kann reale Orte enthalten und dennoch erfundene Vorgänge gestalten. Umgekehrt wird eine falsche Tatsachenbehauptung nicht dadurch redlich, dass man sie nachträglich zur Fiktion erklärt. Entscheidend sind Darstellung, Kontext und erkennbare Vereinbarungen darüber, wie der Text aufgenommen werden soll. Der Atlas verwendet eigene Szenarien zum Unterscheiden und Erproben. Er muss ihren konstruierten Status benennen, gerade wenn sie so einleuchtend wirken, dass man sie für beobachtete Wirklichkeit halten könnte.

Denkbewegung

1. Feststellen, welchen Geltungsanspruch der Text erkennen lässt. 2. Erfundene Annahmen von darin verwendeten realen Bezügen unterscheiden. 3. Die durch das Szenario eröffnete Frage oder Folgerung rekonstruieren. 4. Prüfen, welche Übertragung auf wirkliche Verhältnisse zusätzliche Belege benötigt. 5. Mit einer gewonnenen Unterscheidung zurückkehren, ohne einen Beobachtungsbeleg zu erfinden.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Narratologie und Sprachphilosophie untersuchen Fiktionssignale, Erzählkonventionen und Geltungsansprüche. In einer eigenen Atlasanwendung können unterschiedliche Rahmungen desselben Szenarios verglichen werden. Aussagen über tatsächliche Leserwirkungen würden zusätzliche empirische Arbeit verlangen.

Beispiel

Eine erfundene Schülerin darf nur zwischen „gehorsam“ und „schwierig“ wählen, wenn sie sich beschreibt. Sie erfindet „begründet widersprechend“. Das Szenario zeigt eine Grenze angebotener Kategorien und eine mögliche Erweiterung. Es beweist weder eine reale Schulpraxis noch die Wirkung eines bestimmten Unterrichts. Eigenständiger Fall.

Gegenbeispiel

Ein Irrtum im Fahrplan ist nicht schon Fiktion. Eine Modellannahme kann bewusst vereinfachen, ohne eine Erzählung zu sein. Literarische, juristische und philosophische Verwendungen des Begriffs sind verwandt, folgen aber unterschiedlichen Regeln.

Abgrenzung

Imagination ist weiter als sprachlich gestaltete Fiktion. Kontrafaktizität setzt einen als tatsächlich behandelten Verlauf voraus, von dem abgewichen wird. Metafiktion reflektiert Gemachtheit; Mimesis untersucht Darstellung. Lüge beansprucht im relevanten Fall gerade eine Tatsachengeltung, die fiktionale Konvention nicht verlangen muss.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Leser unterscheiden „vorstellbar“, „im Text gültig“ und „in der Welt belegt“. Erfindung wird dadurch weder wertlos noch zum Ersatz für Forschung.

Resonanz

Der erfundene Fall antwortet auf eine wirkliche Frage. Die Rückkehr trägt eine veränderte Aufmerksamkeit in den Alltag, nicht die Behauptung, das Erzählte sei dort genauso geschehen.

Etymologie

Duden führt Fiktion auf lateinisch fictio und fingere zurück. Der Zusammenhang mit Formen und Erdichten erschließt einen Wortbezug, aber keine allgemeine Behauptung, jede sprachliche Formung sei bereits fiktional. Ein deutscher Erstbeleg wird hier nicht festgesetzt.

Provenienz

DE/EN redaktionell angenommen am 16.10.2026. Historischer Bezug, Sprachvergleich und Quellenstatus sind im vollständigen Profil gesondert ausgewiesen.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Fiktion“. Atlas der Sprache, AT-ADD-20261016-0008. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261016-0008

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261016-0008

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-16. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Leitfrage

Wie kann ein erfundener Fall etwas erkennen lassen, ohne dadurch zum Beleg seines eigenen Vorkommens zu werden?

Fünf Koordinatenfragen

Die folgenden Beschreibungen erläutern dieses Profil. Sie sind noch keine kontrollierten Registerwerte und erzeugen keine gemeinsamen Registertreffer.

Woran ist der Vorgang beobachtbar?
Erfundene Szenarien und die erkennbaren Bedingungen ihres Geltungsanspruchs.
Was geschieht mit dem Material?
Die durch das Szenario eröffnete Frage oder Folgerung rekonstruieren.
Auf welcher Ebene verändert sich etwas?
Leser unterscheiden „vorstellbar“, „im Text gültig“ und „in der Welt belegt“. Erfindung wird dadurch weder wertlos noch zum Ersatz für Forschung.
Welche zeitliche Struktur ist nötig?
Erzählte Zeit, Leseverlauf und Zeitpunkt einer Tatsachenbehauptung sind getrennt zu prüfen.
Woran lässt sich die Beschreibung prüfen?
Ein Irrtum im Fahrplan ist nicht schon Fiktion. Eine Modellannahme kann bewusst vereinfachen, ohne eine Erzählung zu sein. Literarische, juristische und philosophische Verwendungen des Begriffs sind verwandt, folgen aber unterschiedlichen Regeln.

Historischer Bezug

Der HWRh entfaltet unterschiedliche rhetorische, poetologische, rechtliche und philosophische Gebrauchsweisen. Der gewählte Profilbeginn konzentriert den sprachlich-literarischen Zugang und behält die anderen als Abgrenzungen bei. Die dort vermittelte Geschichte wird nicht als eigene Primärquellenrekonstruktion ausgegeben.

Sprachvergleich und Fachfassung

Englisch fiction bezeichnet auch die Literaturklasse gegenüber non-fiction und kann abwertend eine bloße Erfindung meinen. Deutsches Fiktion hat ebenfalls mehrere fachliche Gebrauchsweisen. Gleiche Herkunft bedeutet daher weder überall gleiche Einteilung noch einen einheitlichen Wahrheitsstatus.

Fachliche Beziehungen: begründete Leserverweise

Die Beziehung wird jeweils benannt und erläutert. Diese Leserverweise ersetzen weder einen gemeinsamen Registertreffer noch eine neu kanonisierte Relationskante.

  • Imagination · Vergleich und Abgrenzung

    Imagination ist weiter als sprachlich gestaltete Fiktion. Kontrafaktizität setzt einen als tatsächlich behandelten Verlauf voraus, von dem abgewichen wird. Metafiktion reflektiert Gemachtheit; Mimesis untersucht Darstellung. Lüge beansprucht im relevanten Fall gerade eine Tatsachengeltung, die fiktionale Konvention nicht verlangen muss.

  • Kontrafaktizität · Vergleich und Abgrenzung

    Imagination ist weiter als sprachlich gestaltete Fiktion. Kontrafaktizität setzt einen als tatsächlich behandelten Verlauf voraus, von dem abgewichen wird. Metafiktion reflektiert Gemachtheit; Mimesis untersucht Darstellung. Lüge beansprucht im relevanten Fall gerade eine Tatsachengeltung, die fiktionale Konvention nicht verlangen muss.

  • Metafiktion · Vergleich und Abgrenzung

    Imagination ist weiter als sprachlich gestaltete Fiktion. Kontrafaktizität setzt einen als tatsächlich behandelten Verlauf voraus, von dem abgewichen wird. Metafiktion reflektiert Gemachtheit; Mimesis untersucht Darstellung. Lüge beansprucht im relevanten Fall gerade eine Tatsachengeltung, die fiktionale Konvention nicht verlangen muss.

  • Mimesis · Vergleich und Abgrenzung

    Imagination ist weiter als sprachlich gestaltete Fiktion. Kontrafaktizität setzt einen als tatsächlich behandelten Verlauf voraus, von dem abgewichen wird. Metafiktion reflektiert Gemachtheit; Mimesis untersucht Darstellung. Lüge beansprucht im relevanten Fall gerade eine Tatsachengeltung, die fiktionale Konvention nicht verlangen muss.

  • Exemplum · Vergleich und Abgrenzung

    Imagination ist weiter als sprachlich gestaltete Fiktion. Kontrafaktizität setzt einen als tatsächlich behandelten Verlauf voraus, von dem abgewichen wird. Metafiktion reflektiert Gemachtheit; Mimesis untersucht Darstellung. Lüge beansprucht im relevanten Fall gerade eine Tatsachengeltung, die fiktionale Konvention nicht verlangen muss.

Vorgeschlagener Denkweg

Wie kann ein erfundener Fall etwas erkennen lassen, ohne dadurch zum Beleg seines eigenen Vorkommens zu werden?

Fiktion → Imagination → Kontrafaktizität → Fiktion

Gegenprobe und Rückkehr

Ein Irrtum im Fahrplan ist nicht schon Fiktion. Eine Modellannahme kann bewusst vereinfachen, ohne eine Erzählung zu sein. Literarische, juristische und philosophische Verwendungen des Begriffs sind verwandt, folgen aber unterschiedlichen Regeln.

Die Route ist ein redaktionelles Erkundungsangebot. Sie behauptet keine notwendige Reihenfolge der Begriffe. Rückkehr: Fiktion

Quellenstatus und Provenienz

Die Texte sind redaktionell angenommen. Diese Annahme verwandelt Referenzwerk, Abstract oder Registerbeleg nicht in eine vollständige Primärquellenprüfung. Beispiele und Denkfolge sind eigenständige Atlasanwendungen.

  • Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 3, Artikel „Fiktion“; hg. von Gert Ueding, Tübingen: Max Niemeyer 1996. Sp. 342–344; PDF-Seiten 177–178 · Sp. 342–344; PDF-Seiten 177–178

    Verwendete Artikelpassagen am offiziellen Referenzkorpus erneut abgeglichen; Dateihash, gedruckte Spalten und vollständige relevante PDF-Seiten geprüft. Keine Vollbandlektüre oder Vollprüfung aller zitierten Primärtexte.

    Definition und getrennte rhetorische, poetologische, juristische und philosophische Verwendungen. Der Vorschlag wählt den sprachlich-literarischen Hauptzugang, nicht eine einheitliche Definition aller Verwendungen.

  • Merriam-Webster: fiction · Bedeutungsbreite und Etymology: mittelenglische, französische und lateinische Vermittlung

    Genannte Original-Wörterbuchabschnitte im aktuellen Rechercheabruf geprüft.

    Lexikalischer Beleg und Wortgeschichte des englischen Lemmas, keine vollständige Disziplingeschichte und keine automatische Übertragung auf deutsche Erstbelege.

  • Duden online: Fiktion · Bedeutung und Herkunft

    Genannte Original-Wörterbuchabschnitte im aktuellen Rechercheabruf geprüft.

    Knappe deutsche Bedeutungs- und Herkunftsstütze, keine neue historische Erstbelegprüfung.

  • Atlas der Sprache: Vergleichsstand Release 15.8.0 / Sites 352 · 1.211 Profile; bestätigte Vergleichs- und Ergänzungsziele

    Aktueller Quellstand und IDs gegen Sites 352 geprüft; Exportherkunft separat erhalten.

    Arbeitsbasis des zuletzt in diesem Chat veröffentlichten Stands, keine neue vollständige Produktivinventur und kein unabhängiger wissenschaftlicher Beleg.