ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G02-009 · ATLAS 259

Antinomie

Antinomie bezeichnet einen Widerstreit von Aussagen oder Positionen, die innerhalb ihrer jeweiligen Begründung als zwingend erscheinen.

Teil des Themenwegs Sprachphilosophie, Denken und Erkenntnis

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Antinomie erschließt den Konflikt jeweils begründet erscheinender Geltungsansprüche und ergänzt einfachen Widerspruch. Der philosophische Rahmen ist von alltagssprachlicher Unvereinbarkeit zu unterscheiden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Antinomie bezeichnet einen Widerstreit, in dem entgegengesetzte Aussagen aus zunächst überzeugend erscheinenden Begründungen hervorgehen. Der Begriff hat unterschiedliche fachhistorische Schwerpunkte. Bei Kant betrifft er Konflikte der Vernunft in der rationalen Kosmologie; seine Auflösung hängt von der jeweiligen Antinomie ab. In der Logik und Mengenlehre können Antinomien Widersprüche aufdecken, die aus problematischen Annahmen folgen. Für den Verweis aus Paradoxon ist entscheidend: Nicht jede überraschende Aussage ist eine Antinomie, und ein philosophischer Widerstreit ist nicht ohne Rekonstruktion ein formaler Widerspruch.

Denkbewegung

1. Beide Aussagen genau formulieren. 2. Ihre Begründungen rekonstruieren. 3. Gemeinsame Voraussetzungen markieren. 4. Den historischen und logischen Rahmen bestimmen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine begriffsgeschichtliche Analyse kann Kantische Argumentpaare mit mengentheoretischen Ableitungen vergleichen und dabei die verschiedenen Voraussetzungen sichtbar halten.

Beispiel

Nach dem klassischen Mengenbeispiel: Angenommen, R sei die Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten. Dann führt sowohl R ∈ R als auch R ∉ R zum Gegenteil. Problematisch ist die vorausgesetzte uneingeschränkte Mengenbildung.

Gegenbeispiel

Zwei Menschen mit verschiedenen Vorlieben vertreten noch keine Antinomie. Ein überraschendes Ergebnis ohne Widerspruch ebenfalls nicht.

Abgrenzung

Von Paradoxon im weiten Sinn, bloßem Dissens und sprachlicher Antithese trennen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Der Konflikt kann zur Revision von Voraussetzungen führen, statt bloß eine Seite auszuwählen.

Resonanz

Zwei Wege stoßen zusammen und machen den Boden fragwürdig, auf dem beide beginnen.

Provenienz

Kants Antinomien betreffen Vernunftansprüche jenseits möglicher Erfahrung; Russell analysiert Widersprüche in logischen Grundlagen. Der gemeinsame Name begründet keine Gleichheit der Diagnose oder Lösung. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Antinomie“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-009. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-009

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