Vertiefung
Antinomie bezeichnet einen Widerstreit, in dem entgegengesetzte Aussagen aus zunächst überzeugend erscheinenden Begründungen hervorgehen. Der Begriff hat unterschiedliche fachhistorische Schwerpunkte. Bei Kant betrifft er Konflikte der Vernunft in der rationalen Kosmologie; seine Auflösung hängt von der jeweiligen Antinomie ab. In der Logik und Mengenlehre können Antinomien Widersprüche aufdecken, die aus problematischen Annahmen folgen. Für den Verweis aus Paradoxon ist entscheidend: Nicht jede überraschende Aussage ist eine Antinomie, und ein philosophischer Widerstreit ist nicht ohne Rekonstruktion ein formaler Widerspruch.
Denkbewegung
1. Beide Aussagen genau formulieren. 2. Ihre Begründungen rekonstruieren. 3. Gemeinsame Voraussetzungen markieren. 4. Den historischen und logischen Rahmen bestimmen.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Eine begriffsgeschichtliche Analyse kann Kantische Argumentpaare mit mengentheoretischen Ableitungen vergleichen und dabei die verschiedenen Voraussetzungen sichtbar halten.
Beispiel
Nach dem klassischen Mengenbeispiel: Angenommen, R sei die Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten. Dann führt sowohl R ∈ R als auch R ∉ R zum Gegenteil. Problematisch ist die vorausgesetzte uneingeschränkte Mengenbildung.
Gegenbeispiel
Zwei Menschen mit verschiedenen Vorlieben vertreten noch keine Antinomie. Ein überraschendes Ergebnis ohne Widerspruch ebenfalls nicht.
Abgrenzung
Von Paradoxon im weiten Sinn, bloßem Dissens und sprachlicher Antithese trennen.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Der Konflikt kann zur Revision von Voraussetzungen führen, statt bloß eine Seite auszuwählen.
Resonanz
Zwei Wege stoßen zusammen und machen den Boden fragwürdig, auf dem beide beginnen.
Provenienz
Kants Antinomien betreffen Vernunftansprüche jenseits möglicher Erfahrung; Russell analysiert Widersprüche in logischen Grundlagen. Der gemeinsame Name begründet keine Gleichheit der Diagnose oder Lösung. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Antinomie“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-009. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-009Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.