ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G02-011 · ATLAS 259

Arbeitsgedächtnis

Arbeitsgedächtnis bezeichnet Modelle zeitlich begrenzter Verfügbarkeit und Verarbeitung von Information während einer Aufgabe.

Teil des Themenwegs Sprachphilosophie, Denken und Erkenntnis

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Arbeitsgedächtnis liefert eine nötige Grundlage für die Prüfung begrenzter Verarbeitung in Sprachverstehen und Gestaltung. Kapazitätsmodelle dürfen nicht ohne Aufgabenbezug als einheitlicher Speicher gelten.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Arbeitsgedächtnis bezeichnet die vorübergehende Verfügbarkeit und Verarbeitung von Information für eine laufende Aufgabe. Beim Sprachverstehen müssen frühere Satzteile für spätere Beziehungen zugänglich bleiben. Das ist mehr als die Vorstellung eines Behälters, der Wörter bis zu einer festen Grenze aufbewahrt. Modelle unterscheiden sich darin, wie Speicherung, Aufmerksamkeit und Abruf zusammenwirken. Im Herkunftskontext der Kongruenzattraktion ist insbesondere die Konkurrenz ähnlicher Merkmale beim Abruf relevant. Ein Fehler oder eine erleichterte Verarbeitung eines fehlerhaften Satzes lässt sich deshalb nicht einfach als Beweis geringer Speicherkapazität lesen.

Denkbewegung

1. Die sprachliche Abhängigkeit bestimmen. 2. Die benötigte frühere Information benennen. 3. Mögliche konkurrierende Hinweise identifizieren. 4. Speicher-, Abruf- und Aufmerksamkeitsannahmen trennen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Ein kontrolliertes Experiment könnte Numerus des Subjekts und eines Distraktors unabhängig variieren und Lesezeiten sowie Urteile erfassen.

Beispiel

Konstruiert: In „Der Bericht über die Reisen liegt bereit“ muss liegt auf Bericht bezogen werden. Die Mehrzahl Reisen bietet einen konkurrierenden Numerushinweis.

Gegenbeispiel

Ein einzelner Kongruenzfehler erlaubt keine Aussage über die allgemeine Gedächtnisleistung einer Person.

Abgrenzung

Arbeitsgedächtnis von bloßer Kurzzeitspeicherung, Langzeitwissen und Intelligenz unterscheiden; Attraktion ist keine Kapazitätsdiagnose.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Der Abrufblick kann erklären helfen, warum strukturell unpassende Information dennoch die Verarbeitung beeinflusst.

Resonanz

Das eben Gesagte bleibt als erreichbare Spur gegenwärtig, während der Satz weiterwächst.

Provenienz

Baddeley/Hitch beschreiben Komponenten und Verarbeitungsaufgaben; Lewis/Vasishth/Van Dyke untersuchen abrufbasierte Verarbeitung und Interferenz. Der Vergleich schützt vor der Gleichsetzung von Kongruenzattraktion und kleiner Speicherkapazität. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Arbeitsgedächtnis“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-011. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-011

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-011

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.