ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G02-012 · ATLAS 259

Arbitrarität

Arbitrarität bezeichnet die fehlende notwendige Ähnlichkeit zwischen sprachlicher Zeichenform und Bedeutung.

Teil des Themenwegs Sprachphilosophie, Denken und Erkenntnis

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Arbitrarität ist eine Grundlage, um die konventionelle Zeichenbeziehung von individueller Willkür zu trennen. Ein Ausdruck ist nicht durch seinen Gegenstand notwendig vorgegeben und dennoch nicht für jeden Sprecher frei austauschbar. Der Eintrag unterstützt damit die Einordnung von Ikonizität, Lautsymbolik und gesellschaftlich geteilter Bedeutung.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Arbitrarität betrifft die fehlende natürliche oder notwendige Bindung zwischen Zeichenform und Bedeutung. Im Saussure-Kontext ist die Beziehung von Signifikant und Signifikat gemeint. Dass eine Form nicht durch die bezeichnete Sache erzwungen wird, bedeutet nicht, dass einzelne Sprecher sie nach Belieben ändern könnten: Die gemeinsame Verwendung begrenzt die Wahl. Der Gegensatz zur Ikonizität betrifft eine mögliche Motivation durch Ähnlichkeit; er ist nicht einfach ein Gegensatz zwischen bedeutungslos und sinnvoll. Dieses Profil verwendet Arbitrarität deshalb als Eigenschaft der Zeichenbeziehung, nicht als Vorwurf von Willkür.

Denkbewegung

1. Zeichenform und zugeschriebene Bedeutung unterscheiden. 2. Nach einer notwendigen natürlichen Verbindung fragen. 3. Konventionelle Verbindlichkeit berücksichtigen. 4. Behauptete Ähnlichkeit gesondert prüfen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine Zeichenanalyse könnte konventionelle Zuordnungen und behauptete ikonische Ähnlichkeiten im selben Material getrennt beschreiben.

Beispiel

Konstruiert: Zwei erfundene Sprachgemeinschaften nennen denselben neu eingeführten Spielgegenstand „lum“ beziehungsweise „tak“. Keine seiner Eigenschaften erzwingt eine dieser Lautfolgen.

Gegenbeispiel

Ein Sprecher kann eine etablierte Benennung nicht allein dadurch allgemein ändern, dass er privat eine andere bevorzugt.

Abgrenzung

Arbitrarität von individueller Beliebigkeit, Zufall und fehlender Bedeutung trennen. Ikonizität verlangt eine eigene Analyse der motivierenden Beziehung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die Unterscheidung kann sichtbar machen, wie Verbindlichkeit ohne natürliche Notwendigkeit entsteht.

Resonanz

Ein gemeinsamer Name bindet, obwohl die Dinge ihn nicht vorgeschrieben haben.

Provenienz

Saussure betont die Form-Bedeutungs-Zuordnung im Sprachsystem; Peirces Ikon/Index/Symbol-Unterscheidung stellt andere Zeichenbeziehungen heraus. Beide Perspektiven werden nicht zu identischen Theorien erklärt. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Arbitrarität“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-012. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-012

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-012

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.