Vertiefung
Arbitrarität betrifft die fehlende natürliche oder notwendige Bindung zwischen Zeichenform und Bedeutung. Im Saussure-Kontext ist die Beziehung von Signifikant und Signifikat gemeint. Dass eine Form nicht durch die bezeichnete Sache erzwungen wird, bedeutet nicht, dass einzelne Sprecher sie nach Belieben ändern könnten: Die gemeinsame Verwendung begrenzt die Wahl. Der Gegensatz zur Ikonizität betrifft eine mögliche Motivation durch Ähnlichkeit; er ist nicht einfach ein Gegensatz zwischen bedeutungslos und sinnvoll. Dieses Profil verwendet Arbitrarität deshalb als Eigenschaft der Zeichenbeziehung, nicht als Vorwurf von Willkür.
Denkbewegung
1. Zeichenform und zugeschriebene Bedeutung unterscheiden. 2. Nach einer notwendigen natürlichen Verbindung fragen. 3. Konventionelle Verbindlichkeit berücksichtigen. 4. Behauptete Ähnlichkeit gesondert prüfen.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Eine Zeichenanalyse könnte konventionelle Zuordnungen und behauptete ikonische Ähnlichkeiten im selben Material getrennt beschreiben.
Beispiel
Konstruiert: Zwei erfundene Sprachgemeinschaften nennen denselben neu eingeführten Spielgegenstand „lum“ beziehungsweise „tak“. Keine seiner Eigenschaften erzwingt eine dieser Lautfolgen.
Gegenbeispiel
Ein Sprecher kann eine etablierte Benennung nicht allein dadurch allgemein ändern, dass er privat eine andere bevorzugt.
Abgrenzung
Arbitrarität von individueller Beliebigkeit, Zufall und fehlender Bedeutung trennen. Ikonizität verlangt eine eigene Analyse der motivierenden Beziehung.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Die Unterscheidung kann sichtbar machen, wie Verbindlichkeit ohne natürliche Notwendigkeit entsteht.
Resonanz
Ein gemeinsamer Name bindet, obwohl die Dinge ihn nicht vorgeschrieben haben.
Provenienz
Saussure betont die Form-Bedeutungs-Zuordnung im Sprachsystem; Peirces Ikon/Index/Symbol-Unterscheidung stellt andere Zeichenbeziehungen heraus. Beide Perspektiven werden nicht zu identischen Theorien erklärt. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Arbitrarität“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-012. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-012Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.