ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G02-051 · ATLAS 259

Explikatur

Explikatur bezeichnet in der Relevanztheorie eine explizit kommunizierte Annahme, die aus der sprachlich kodierten logischen Form durch pragmatische Entwicklung gewonnen wird.

Teil des Themenwegs Pragmatik und Gespräch

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Explikatur erschließt pragmatische Anreicherung explizit kommunizierter Inhalte jenseits des kodierten Satzes. Die relevanztheoretische Unterscheidung darf nicht als theorieneutrale Tatsache ausgegeben werden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Explikatur bezeichnet in der Relevanztheorie einen explizit kommunizierten Inhalt, der durch pragmatische Entwicklung sprachlich kodierter Bedeutung gewonnen wird. Auch das Explizite entsteht demnach nicht allein aus Wörterbuchbedeutungen: Bezugsausdrücke müssen zugeordnet und kontextuell offene Stellen ergänzt werden. Die Explikatur bleibt dabei eine Entwicklung der sprachlichen Grundlage, während eine Implikatur als weiter erschlossener Inhalt behandelt wird. Diese Grenze ist eine theoretische Entscheidung und wird in anderen Modellen anders gezogen. Explizit heißt hier deshalb nicht vollständig Wort für Wort ausgesprochen.

Denkbewegung

1. Die sprachlich kodierte Grundlage bestimmen. 2. Referenzen und offene Ergänzungen klären. 3. Den entwickelten propositionalen Inhalt formulieren. 4. Weitere Folgerungen getrennt ausweisen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine pragmatische Analyse könnte mehrere Kontexte derselben Äußerung vergleichen und die angesetzten Ergänzungen offenlegen.

Beispiel

Vor einer Abfahrt sagt Mira im konstruierten Gespräch: „Ich bin bereit.“ Bereit zur vereinbarten Abfahrt entwickelt hier den expliziten Inhalt; „Du solltest jetzt den Motor starten“ wäre eine zusätzliche mögliche Folgerung.

Gegenbeispiel

Nicht jeder beliebige Kontextgedanke gehört zur Explikatur. Seine Ableitung und sein Verhältnis zur sprachlichen Form müssen begründet werden.

Abgrenzung

Von wörtlicher Satzbedeutung, Explikation als Erklärung und Implikatur unterscheiden. Der Begriff gehört zur Relevanztheorie und ist kein theorieneutraler Name für alles Verstandene.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Der Begriff kann sichtbar machen, wie viel Kontext bereits am ausdrücklich Gemeinten beteiligt ist.

Resonanz

Zwischen den ausgesprochenen Wörtern arbeitet der gemeinsam erschlossene Zusammenhang.

Provenienz

Sperber/Wilson führen Explikatur im Relevanzmodell ein; Carston vertieft die pragmatische Entwicklung expliziter Inhalte. Beide definieren ein theoretisches Kriterium, keine allgemein unstrittige Sprachgrenze. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Explikatur“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G02-051. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-051

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G02-051

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