Vertiefung
Interferenz bezeichnet hier einen störenden Einfluss bereits verfügbarer sprachlicher Kenntnisse auf den Gebrauch oder das Verstehen einer anderen Sprache. Der Herkunftsverweis Falscher Freund führt zu einem möglichen Auslöser: Ähnliche Formen können dazu verleiten, eine vertraute Bedeutung zu übertragen. Die bloße Existenz eines solchen Wortpaars beweist aber keinen tatsächlich erfolgten Einfluss. Ebenso wenig lässt sich jeder Fehler auf die zuerst gelernte Sprache zurückführen. Der Eintrag unterscheidet sprachübergreifenden Einfluss als weiteren Bereich, den hier gemeinten störenden Fall und die empirischen Belege für einen konkreten Prozess.
Denkbewegung
1. Die relevante Formähnlichkeit wird beschrieben. 2. Die beabsichtigte Bedeutung wird bestimmt. 3. Eine mögliche Übertragung wird formuliert. 4. Andere Fehlerursachen werden geprüft. 5. Erst beobachtete Daten stützen die Einflussannahme.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Vergleichsgruppen und Aufgaben mit kontrollierter Formähnlichkeit können die Transferhypothese prüfen.
Beispiel
Wer englisch eventually aufgrund von deutsch eventuell als „vielleicht“ versteht, könnte eine vertraute Form-Bedeutungs-Verbindung übertragen haben.
Gegenbeispiel
Ein Versprecher oder eine unbekannte Vokabel belegt für sich noch keinen sprachübergreifenden Einfluss.
Abgrenzung
Störende Interferenz von erleichterndem Transfer, bloßer Ähnlichkeit und allgemeinem Lernfehler unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Die Analyse ersetzt pauschale Fehlerzuschreibung durch eine überprüfbare Erklärung.
Resonanz
Vertrautheit kann eine Brücke bauen, deren anderes Ende an einer unerwarteten Bedeutung ankommt.
Provenienz
Uriel Weinreich: Languages in Contact, 1953 erschließt für „Interferenz“ den Bereich Interference and bilingual language contact; Terence Odlin: Language Transfer, 1989 setzt mit Cross-linguistic influence and transfer einen zweiten, abgrenzenden Schwerpunkt. Der Entwurf verwendet beide für den begrenzten Untersuchungsumfang „Einfluss bereits verfügbarer sprachlicher Muster auf Verarbeitung oder Gebrauch einer weiteren Sprache.“, ohne bibliographische Arbeitsangaben als neue Volltextlektüre auszugeben. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Interferenz“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G03-028. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G03-028Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.