ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G03-038 · ATLAS 259

Komplementarität

Komplementarität ist eine Gegensatzrelation, deren zwei Prädikate sich innerhalb einer festgelegten Domäne gegenseitig ausschließen und diese gemeinsam vollständig abdecken.

Teil des Themenwegs Sprachphilosophie, Denken und Erkenntnis

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Komplementarität präzisiert Gegensätze durch Ausschluss und vollständige Domänenabdeckung und ergänzt gradierbare Antonymie. Die festgelegte Domäne entscheidet, ob das Verhältnis wirklich binär ist.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Komplementarität bezeichnet eine Opposition, deren Glieder sich innerhalb eines festgelegten Bereichs gegenseitig ausschließen und diesen Bereich gemeinsam ausschöpfen. Unter diesen Voraussetzungen gehört ein Fall, der nicht zur einen Seite gehört, zur anderen. Die Festlegung des Bereichs ist entscheidend: Gegenstände außerhalb dieses Bereichs oder abweichende Verwendungen können eine vorgeschlagene Einteilung ungültig machen. Dass die Zugehörigkeit eines Falls unbekannt ist, hebt die Einteilung dagegen nicht von selbst auf. Bei sprachlichen Ausdrücken muss daher geprüft werden, ob ihr konkreter Gebrauch tatsächlich eine komplementäre Opposition bildet. Das bloße Auftreten zweier gegensätzlicher Wörter reicht nicht aus. Gradierbare Gegensätze lassen typischerweise Zwischenbereiche zu und folgen damit einer anderen Struktur.

Denkbewegung

1. Der relevante Bereich wird abgegrenzt. 2. Die beiden Bedingungen werden definiert. 3. Ihr gegenseitiger Ausschluss wird geprüft. 4. Ihre gemeinsame Vollständigkeit wird geprüft. 5. Grenz- und unbekannte Fälle werden gesondert untersucht.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Semantische Tests können prüfen, ob die Verneinung eines Ausdrucks unter festgelegten Bedingungen die andere Bezeichnung nach sich zieht.

Beispiel

Innerhalb der ganzen Zahlen bilden „gerade“ und „ungerade“ eine komplementäre Einteilung, auch wenn die Parität einer bestimmten Zahl unbekannt ist.

Gegenbeispiel

„Heiß“ und „kalt“ teilen Temperaturen nicht entsprechend auf: Eine Temperatur kann im jeweiligen Kontext weder heiß noch kalt sein.

Abgrenzung

Komplementarität von Gradgegensatz, Unvereinbarkeit allein und beliebiger Zweiergruppe unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die Analyse trennt logische Zweiteilung von einer bloß auffälligen Gegenüberstellung.

Resonanz

Zwei Seiten schließen sich nur dann lückenlos, wenn auch ihr gemeinsamer Rahmen feststeht.

Provenienz

D. Alan Cruse: Meaning in Language, 3rd ed., 2011 erschließt für „Komplementarität“ den Bereich Sense relations, meronymy, opposition, converses and categorisation; John Lyons: Linguistic Semantics, 1995 setzt mit Sense relations, reference, opposition and lexical structure einen zweiten, abgrenzenden Schwerpunkt. Der Entwurf verwendet beide für den begrenzten Untersuchungsumfang „Gegensatzrelation, bei der die Negation des einen Pols innerhalb eines gesetzten Bereichs den anderen nahelegt.“, ohne bibliographische Arbeitsangaben als neue Volltextlektüre auszugeben. → Parallel corpus source review reconciled 2026-10-07

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Komplementarität“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G03-038. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G03-038

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G03-038

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