ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G04-018 · ATLAS 259

Neutralisation

Neutralisation bezeichnet den Verlust eines sprachlichen Kontrasts in einer bestimmten Umgebung.

Teil des Themenwegs Klang, Phonetik und Phonologie

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Neutralisation erschließt den umgebungsgebundenen Verlust eines Kontrasts statt einer allgemeinen Lautgleichheit. Außerhalb der betreffenden Umgebung kann dieselbe Unterscheidung weiterhin bestehen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Neutralisation bezeichnet den Verlust eines sprachlichen Kontrasts in einer bestimmten Umgebung. In der Phonologie können zwei sonst unterscheidende Einheiten dort nicht mehr dieselbe bedeutungsunterscheidende Funktion ausüben. Damit ist zunächst eine Aussage über das System und seine Verteilung getroffen, nicht notwendig über völlige akustische Gleichheit jeder Realisierung. Manche als neutralisiert beschriebenen Gegensätze hinterlassen messbare phonetische Unterschiede; wie diese zu bewerten sind, verlangt zusätzliche Untersuchung. Ein Archiphonem ist eine mögliche theoretische Darstellung gemeinsamer Merkmale, keine zwingende Konsequenz jeder Neutralisation. Umgebung, untersuchter Kontrast und verwendete Analyse müssen deshalb ausdrücklich benannt werden.

Denkbewegung

1. Ein Kontrast wird in unterscheidender Position belegt. 2. Eine mögliche Neutralisationsumgebung wird bestimmt. 3. Die Verteilung dort wird untersucht. 4. Phonetische Restunterschiede werden getrennt gemessen. 5. Die gewählte phonologische Darstellung wird begründet.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine Studie kann kategoriale Zuordnung, akustische Messung und Hörerurteile getrennt auswerten.

Beispiel

Deutsche Formen wie Rad und Rat dienen häufig zur Diskussion der Auslautverhärtung; Vergleichsformen wie Räder und Räte machen den zugrunde gelegten Gegensatz sichtbar.

Gegenbeispiel

Zwei ähnlich klingende Wörter belegen nicht automatisch Neutralisation; der relevante systematische Kontrast muss zuvor nachgewiesen sein.

Abgrenzung

Neutralisation von vollständiger akustischer Identität, freier Variation und obligatorischer Archiphonemanalyse unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Neutralisation zeigt, dass ein Unterschied nur unter bestimmten Bedingungen sprachlich trägt.

Resonanz

Eine Grenze kann im System bestehen und an einer Stelle dennoch unhörbar werden.

Provenienz

Parallel corpus 98f0950771ae4662f291d2f15f5c51b6797f3c20ba458a68615cdb177002ea18; case-bounded source review accepted; human specialist review not claimed.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Neutralisation“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G04-018. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-018

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-018

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