Vertiefung
Reappropriation bezeichnet die Wiederaneignung einer zuvor abwertend verwendeten Bezeichnung durch Menschen, auf die sie bezogen wurde. Eine solche Verwendung kann Zugehörigkeit, Widerstand oder Selbstbestimmung ausdrücken. Sie hebt die frühere Verletzungsgeschichte jedoch nicht automatisch auf und erteilt Außenstehenden keine allgemeine Gebrauchserlaubnis. Auch innerhalb einer Gruppe können Bewertungen auseinandergehen. Der Bezug zur Melioration ist deshalb genau zu begrenzen: Wiederaneignung kann zu einer positiven Neubewertung beitragen, ohne dass das Wort in allen Kontexten allgemein positiv geworden ist. Zu untersuchen sind Sprecherposition, Adressaten, Situation und die Reaktionen auf den konkreten Gebrauch.
Denkbewegung
1. Die abwertende Gebrauchsgeschichte wird rekonstruiert. 2. Die neue Sprecherposition wird bestimmt. 3. Funktion und Adressierung werden untersucht. 4. Zustimmung und Ablehnung werden dokumentiert. 5. Lokale Wiederaneignung wird von allgemeinem Bedeutungswandel getrennt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Soziolinguistische Forschung kann Selbstbezeichnung, Fremdbezeichnung und metasprachliche Aushandlung getrennt analysieren.
Beispiel
Eine Gruppe übernimmt eine gegen sie gerichtete Bezeichnung als selbst gewählten Ausstellungstitel. Der Titel kann Widerstand ausdrücken, ohne fremde abwertende Verwendungen zu legitimieren.
Gegenbeispiel
Dass einzelne Mitglieder ein Wort selbst verwenden, beweist keine Zustimmung aller Betroffenen oder seine Harmlosigkeit in jedem Mund.
Abgrenzung
Reappropriation von universeller Bedeutungsverbesserung, bloßem Zitat, Vergessen der Vorgeschichte und allgemeiner Gebrauchserlaubnis unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Wiederaneignung verändert mögliche Sprecherrollen und Deutungsrechte.
Resonanz
Ein Wort kehrt zu denen zurück, die es zuvor treffen sollte, und kann dort eine andere Stimme finden.
Provenienz
Parallel corpus 98f0950771ae4662f291d2f15f5c51b6797f3c20ba458a68615cdb177002ea18; case-bounded source review accepted; human specialist review not claimed.
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Reappropriation“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G04-040. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-040Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.