ATLAS DER SPRACHE

AT-NAV-G04-040 · ATLAS 259

Reappropriation

Reappropriation bezeichnet die Wiederaneignung einer zuvor abwertend verwendeten Bezeichnung durch Menschen, auf die sie bezogen wurde.

Teil des Themenwegs Semantik und Zeichen

Warum dieser Begriff im Atlas?

E · Exemplarischer Fall R3 · Begründeter exemplarischer Fall

Reappropriation zeigt exemplarisch die Veränderung sozialer Wertung durch Wiederaneignung einer abwertenden Bezeichnung. Der Gebrauch durch eine Gruppe hebt die Verletzbarkeit in anderen Kontexten nicht automatisch auf.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Reappropriation bezeichnet die Wiederaneignung einer zuvor abwertend verwendeten Bezeichnung durch Menschen, auf die sie bezogen wurde. Eine solche Verwendung kann Zugehörigkeit, Widerstand oder Selbstbestimmung ausdrücken. Sie hebt die frühere Verletzungsgeschichte jedoch nicht automatisch auf und erteilt Außenstehenden keine allgemeine Gebrauchserlaubnis. Auch innerhalb einer Gruppe können Bewertungen auseinandergehen. Der Bezug zur Melioration ist deshalb genau zu begrenzen: Wiederaneignung kann zu einer positiven Neubewertung beitragen, ohne dass das Wort in allen Kontexten allgemein positiv geworden ist. Zu untersuchen sind Sprecherposition, Adressaten, Situation und die Reaktionen auf den konkreten Gebrauch.

Denkbewegung

1. Die abwertende Gebrauchsgeschichte wird rekonstruiert. 2. Die neue Sprecherposition wird bestimmt. 3. Funktion und Adressierung werden untersucht. 4. Zustimmung und Ablehnung werden dokumentiert. 5. Lokale Wiederaneignung wird von allgemeinem Bedeutungswandel getrennt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Soziolinguistische Forschung kann Selbstbezeichnung, Fremdbezeichnung und metasprachliche Aushandlung getrennt analysieren.

Beispiel

Eine Gruppe übernimmt eine gegen sie gerichtete Bezeichnung als selbst gewählten Ausstellungstitel. Der Titel kann Widerstand ausdrücken, ohne fremde abwertende Verwendungen zu legitimieren.

Gegenbeispiel

Dass einzelne Mitglieder ein Wort selbst verwenden, beweist keine Zustimmung aller Betroffenen oder seine Harmlosigkeit in jedem Mund.

Abgrenzung

Reappropriation von universeller Bedeutungsverbesserung, bloßem Zitat, Vergessen der Vorgeschichte und allgemeiner Gebrauchserlaubnis unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Wiederaneignung verändert mögliche Sprecherrollen und Deutungsrechte.

Resonanz

Ein Wort kehrt zu denen zurück, die es zuvor treffen sollte, und kann dort eine andere Stimme finden.

Provenienz

Parallel corpus 98f0950771ae4662f291d2f15f5c51b6797f3c20ba458a68615cdb177002ea18; case-bounded source review accepted; human specialist review not claimed.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Reappropriation“. Atlas der Sprache, AT-NAV-G04-040. ATLAS 259, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-040

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-NAV-G04-040

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