ATLAS DER SPRACHE

AT-ADD-20261020-0045 · ATLAS 261

Intermedialität

Intermedialität bezeichnet Beziehungen zwischen als unterschiedlich wahrgenommenen Medien, etwa ihre Kombination, ihre Transformation ineinander oder die Bezugnahme eines Mediums auf die Verfahren eines anderen. Untersucht wird nicht nur, was dargestellt ist, sondern wie die beteiligten medialen Formen die Darstellung und ihre Aufnahme ermöglichen oder verändern. Mediengrenzen und die genaue Reichweite des Begriffs werden theoretisch unterschiedlich bestimmt.

Teil des Themenwegs Semantik und Zeichen

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Multimodalität behandelt das Zusammenwirken von Sprache, Bild, Klang und anderen Zeichenressourcen bereits ausdrücklich als komplexe Bedeutungserzeugung. Adaptation analysiert Medienwechsel; Ekphrase den produktiven Weg ins Sprachliche. Die neue Lücke liegt also nicht bei der pauschalen Aussage „Bilder und Wörter wirken zusammen“. Intermedialität verbindet diese Fälle unter einer anderen Vergleichsfrage: Wie wird eine Mediengrenze vorausgesetzt, überschritten, sichtbar gehalten oder simuliert? Ein schriftlicher Text kann filmische Verfahren aufrufen, ohne selbst ein Film zu werden oder mit einem vorhandenen Film eine Adaptationsbeziehung einzugehen. Umgekehrt sind nicht alle Beziehungen zwischen verschiedenen Texten zugleich medienübergreifend. Diese Unterscheidung ist für den Atlas mit seinen Texten, Grafiken und möglichen Audioformen besonders produktiv.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Multimodalität behandelt das Zusammenwirken von Sprache, Bild, Klang und anderen Zeichenressourcen bereits ausdrücklich als komplexe Bedeutungserzeugung. Adaptation analysiert Medienwechsel; Ekphrase den produktiven Weg ins Sprachliche. Die neue Lücke liegt also nicht bei der pauschalen Aussage „Bilder und Wörter wirken zusammen“. Intermedialität verbindet diese Fälle unter einer anderen Vergleichsfrage: Wie wird eine Mediengrenze vorausgesetzt, überschritten, sichtbar gehalten oder simuliert? Ein schriftlicher Text kann filmische Verfahren aufrufen, ohne selbst ein Film zu werden oder mit einem vorhandenen Film eine Adaptationsbeziehung einzugehen. Umgekehrt sind nicht alle Beziehungen zwischen verschiedenen Texten zugleich medienübergreifend. Diese Unterscheidung ist für den Atlas mit seinen Texten, Grafiken und möglichen Audioformen besonders produktiv. Nicht jede Medienbeziehung verlangt, dass mehrere Medien materiell anwesend sind. Wörter können filmische Schnitte aufrufen, ohne dass ein Film läuft. Eine wirkliche Verfilmung muss dagegen Dauer, Ton und Bildausschnitt konkret herstellen. Die Analyse unterscheidet solche Beziehungen, statt aus jeder technischen Formatänderung automatisch einen tiefgreifenden Bedeutungswechsel abzuleiten.

Denkbewegung

1. Beteiligte Medien und kulturell gelernte Erwartungen benennen 2. materielle Kopräsenz, Medienwechsel und Bezugnahme unterscheiden 3. die im neuen Zusammenhang wirksamen Formverfahren genau beschreiben 4. veränderte Zeit, Perspektive und Informationsvergabe vergleichen 5. behauptete Medienbezüge am Werk belegen 6. mit einer begründeten Aussage über Möglichkeiten und Grenzen der Übertragung zurückkehren

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Eine intermediale Analyse kann konkrete Darstellungsoperationen in Prosa, Film oder Bild-Text-Verbindungen vergleichen. Theorieabhängige Mediengrenzen müssen dabei offengelegt werden.

Beispiel

Eigenes, erfundenes Beispiel: Ein Prosatext lautet: „Totale: die leere Küche. Schnitt. Nahaufnahme: der ungeöffnete Brief. Abblende.“ Vorhanden sind nur Wörter. Trotzdem ruft die Fassung filmische Einstellungs- und Schnittkonventionen auf und gibt dem Blick einen bestimmten Verlauf. Eine zweite Fassung lautet: „In der Küche liegt ein ungeöffneter Brief.“ Sie kann einen ähnlichen Gegenstand benennen, organisiert Aufmerksamkeit aber anders. Eine tatsächlich gedrehte Szene wäre wiederum ein anderer Fall: Dauer, Bildausschnitt und Ton müssten materiell gestaltet werden. Das Beispiel macht den Unterschied zwischen sprachlich aufgerufenem Fremdmedium und wirklichem Medienwechsel sichtbar; es beweist keine universale Zuschauerwirkung.

Gegenbeispiel

Medium, Modus und technischer Träger sind nicht dasselbe. Ein Bildschirm allein macht Schrift und Bild nicht zu einem einzigen ununterscheidbaren Medium; bloßer Dateiformatwechsel beweist umgekehrt keinen tiefgreifenden Sinnwandel. Nicht jede Erwähnung eines Films ist eine Inszenierung filmischer Verfahren. Die im HWdR verglichenen Modelle von Rajewsky, Schröter und Wolf werden nicht zu einer angeblich einzig gültigen Typologie verschmolzen. Intermedia und intermediality sind historisch und theoretisch nicht überall austauschbar. Die angenommenen Kandidaten Emblem/Emblematik und sprachliche Montage bleiben besondere Anschlüsse, noch keine kanonischen Vergleichsprofile. Das neue Analyseprofil behauptet keine Vollständigkeit der Medienwissenschaft.

Abgrenzung

Multimodalität: Fragt nach funktionaler Kopplung von Modi wie Sprache, Bild und Klang. Intermedialität fragt nach Beziehungen zwischen Medien und ihren Formkonventionen. Die Untersuchungen überschneiden sich, sind aber weder bloße Synonyme noch sauber getrennte Kästchen. Multimodale Kommunikation: Analysiert die koordinierte Verständigung mehrerer Ausdrucksressourcen in einer Situation. Ein intermedialer Bezug kann dagegen in einem allein schriftlich vorliegenden Werk wirksam sein; umgekehrt macht nicht jede Wort-Geste-Koordination eine Mediengrenze zum Thema. Adaptation: Ist für Werkübertragungen bereits sehr umfassend vorhanden. Intermedialität darf deshalb nicht als zweite Adaptationskarte auftreten: Sie erfasst zusätzlich Medienkombinationen und Bezüge auf mediale Verfahren ohne Übertragung eines bestimmten Ausgangswerks. Intertextualität: Fragt nach dem Beziehungsgefüge zwischen Texten und kulturellen Textspuren. Intermedialität rückt den Wechsel beziehungsweise Bezug zwischen medialen Formen in den Vordergrund. Was als Text und als Medium gilt, ist theorieabhängig und muss offengelegt werden. Ekphrase: Ist eine besondere ausgearbeitete sprachliche Darstellung und kann einen intermedialen Bezug tragen. Intermedialität ist das größere Vergleichsfeld, nicht ein Ersatz für die konkrete Leistung der Ekphrase. Bildbeschreibung: Erklärt bereits den Übergang räumlicher Anordnung in sprachliche Folge. Die neue Karte untersucht auch Kombinationen, simulierte Fremdmedialität und andere Richtungen; sie soll Bildbeschreibung nicht bloß umbenennen. Textpartitur: Koordiniert Stimmen oder Zeitverläufe auf der Schriftfläche. Sie kann mediale Formen wie Partitur und Text in Beziehung setzen, doch nicht jedes nebeneinander gesetzte Textfeld ist deshalb schon eine nachgewiesene intermediale Inszenierung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Derselbe Gegenstand erscheint nicht mehr als derselbe vollständige Inhalt in beliebigen Verpackungen; auch die Darstellungsweise arbeitet an seinem Sinn.

Resonanz

Ein vertrauter Inhalt kann durch andere Zeitlichkeit oder Perspektive neu erfahrbar werden, ohne dass eine Wirkung für alle Personen garantiert wäre.

Etymologie

Intermedialität benennt Beziehungen zwischen Medien. Die Wortbestandteile definieren nicht abschließend, was jeweils als ein Medium gilt.

Provenienz

Der HWdR vergleicht verschiedene medientheoretische Modelle. Sie werden nicht zu einer einzig gültigen Typologie verschmolzen, und intermedia wird nicht überall mit intermediality gleichgesetzt.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Intermedialität“. Atlas der Sprache, AT-ADD-20261020-0045. ATLAS 261, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261020-0045

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-ADD-20261020-0045

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-20. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Leitfrage

Was verändert sich am Sinn, wenn ein Medium die Formen eines anderen aufnimmt – auch wenn dieses andere gar nicht materiell anwesend ist?

Fünf Koordinatenfragen

Diese Beschreibungen erläutern das Profil. Sie sind keine kontrollierten Registerwerte und erzeugen keine gemeinsamen Registertreffer.

Woran ist der Vorgang beobachtbar?

Eigenes, erfundenes Beispiel: Ein Prosatext lautet: „Totale: die leere Küche. Schnitt. Nahaufnahme: der ungeöffnete Brief. Abblende.“ Vorhanden sind nur Wörter. Trotzdem ruft die Fassung filmische Einstellungs- und Schnittkonventionen auf und gibt dem Blick einen bestimmten Verlauf. Eine zweite Fassung lautet: „In der Küche liegt ein ungeöffneter Brief.“ Sie kann einen ähnlichen Gegenstand benennen, organisiert Aufmerksamkeit aber anders. Eine tatsächlich gedrehte Szene wäre wiederum ein anderer Fall: Dauer, Bildausschnitt und Ton müssten materiell gestaltet werden. Das Beispiel macht den Unterschied zwischen sprachlich aufgerufenem Fremdmedium und wirklichem Medienwechsel sichtbar; es beweist keine universale Zuschauerwirkung.

Was geschieht mit dem Material?

Beteiligte Medien und kulturell gelernte Erwartungen benennen

materielle Kopräsenz, Medienwechsel und Bezugnahme unterscheiden

die im neuen Zusammenhang wirksamen Formverfahren genau beschreiben

veränderte Zeit, Perspektive und Informationsvergabe vergleichen

behauptete Medienbezüge am Werk belegen

mit einer begründeten Aussage über Möglichkeiten und Grenzen der Übertragung zurückkehren

Auf welcher Ebene verändert sich etwas?

Derselbe Gegenstand erscheint nicht mehr als derselbe vollständige Inhalt in beliebigen Verpackungen; auch die Darstellungsweise arbeitet an seinem Sinn.

Welche zeitliche Struktur ist ausdrücklich beschrieben?

Die Denkbewegung enthält eine vorgeschlagene Prüffolge; sie ist keine behauptete Echtzeitabfolge psychischer Vorgänge. Der jeweilige Beispielsverlauf und die historische Entwicklung sind getrennt zu lesen.

Woran lässt sich die Beschreibung prüfen?

Medium, Modus und technischer Träger sind nicht dasselbe. Ein Bildschirm allein macht Schrift und Bild nicht zu einem einzigen ununterscheidbaren Medium; bloßer Dateiformatwechsel beweist umgekehrt keinen tiefgreifenden Sinnwandel. Nicht jede Erwähnung eines Films ist eine Inszenierung filmischer Verfahren. Die im HWdR verglichenen Modelle von Rajewsky, Schröter und Wolf werden nicht zu einer angeblich einzig gültigen Typologie verschmolzen. Intermedia und intermediality sind historisch und theoretisch nicht überall austauschbar. Die angenommenen Kandidaten Emblem/Emblematik und sprachliche Montage bleiben besondere Anschlüsse, noch keine kanonischen Vergleichsprofile. Das neue Analyseprofil behauptet keine Vollständigkeit der Medienwissenschaft.

Historischer Bezug

Der HWdR vergleicht verschiedene medientheoretische Modelle. Sie werden nicht zu einer einzig gültigen Typologie verschmolzen, und intermedia wird nicht überall mit intermediality gleichgesetzt.

Sprachvergleich und Fachfassung

Intermediality ist der englische Fachanschluss. Multimedia, multimodality und adaptation bezeichnen verwandte, aber nicht deckungsgleiche Gegenstände.

Fachliche Vergleiche und Abgrenzungen

Die folgenden Profile sind redaktionelle Vergleichsanker für die Abgrenzung in diesem Artikel. Dies sind keine neuen kanonischen Relationskanten und keine gemeinsamen Registertreffer.

Vorgeschlagener Denkweg

  1. Beteiligte Medien und kulturell gelernte Erwartungen benennen
  2. materielle Kopräsenz, Medienwechsel und Bezugnahme unterscheiden
  3. die im neuen Zusammenhang wirksamen Formverfahren genau beschreiben
  4. veränderte Zeit, Perspektive und Informationsvergabe vergleichen
  5. behauptete Medienbezüge am Werk belegen
  6. mit einer begründeten Aussage über Möglichkeiten und Grenzen der Übertragung zurückkehren

Ein redaktionelles Erkundungsangebot, keine notwendige Denkfolge und kein experimenteller Wirkungsnachweis.

Quellenstatus und Provenienz

Beide Fachfassungen sind redaktionell angenommen. Der Nachweisumfang der ausgewerteten Referenzwerke bleibt erhalten; dies ist keine neue Vollprüfung sämtlicher Primärquellen. Beispiele und Prüffolgen sind Atlasanwendungen.