BEGRIFFLICHE GRENZEN
Begriff und Anwendung: fünf Grenzlinien, an denen Sprache Denken verkürzt – oder öffnet
Ein Anwendungsfall darf einen Begriff erschließen; er darf ihn nicht stillschweigend aufbrauchen.
Anschluss an die Auswahlgrundlagen
Die Auswahlgrundlagen beantworten, welche redaktionelle Aufgabe ein Profil erfüllt und welcher Aufnahmegrund seinen eigenen Platz rechtfertigt. Dieses Kapitel klärt eine vorgelagerte Frage: Wie kann eine sprachliche Anwendung einen umfassenderen Begriff erschließen, ohne ihn zu ersetzen? Eintragsfunktion und Aufnahmegrund bleiben dabei getrennte Angaben; die folgende Begriffsprüfung begründet keine Aufnahme für sich allein.
Warum diese Unterscheidungen wichtig sind
Ein Begriff kann in einer konkreten Untersuchung sichtbar und handhabbar werden. Wahrnehmung lässt sich etwa daran untersuchen, wie ein Sprecher die Quelle einer Aussage markiert; Wissen daran, wie jemand Möglichkeit oder Gewissheit ausdrückt; Imagination daran, wie eine Erzählung einen vorgestellten Ort sprachlich zugänglich macht. Solche Anwendungen sind erkenntnisreich. Sie zeigen, was ein weiter Begriff in einer bestimmten Situation leistet.
Doch aus einer Anwendung kann unbemerkt eine Gleichsetzung werden. Dann steht plötzlich der Teil für das Ganze: Wahrnehmung wird zu Evidentialität, Wissen zu Modalität, Imagination zu einer besonderen Form deiktischen Zeigens. Der konkrete linguistische Zugriff ist präzise, aber der umfassendere philosophische Begriff scheint verschwunden. Eine hilfreiche Analyse hat dann ungewollt den Gegenstand verkleinert.
Die fünf Sätze dieses Kapitels markieren deshalb keine absoluten Trennmauern. Sie bedeuten: Die Begriffe sind nicht identisch und dürfen nicht ohne Begründung füreinander eingesetzt werden. Zwischen ihnen bestehen Beziehungen – etwa die einer sprachlichen Realisierung, eines Teilbereichs, eines Beispiels oder einer theoretischen Deutung. Diese Beziehung muss jeweils benannt werden.
| Grenzsatz | Was unterschieden wird | Wie die Anwendung den größeren Begriff verkürzen kann | Präzise Verbindung |
|---|---|---|---|
| Wahrnehmung ist nicht Evidentialität. | Wahrnehmung umfasst sinnliche und bewusstseinsbezogene Vorgänge. Evidentialität betrifft sprachliche Mittel, mit denen die Quelle oder Grundlage einer Aussage markiert wird. | Wenn Wahrnehmung nur noch als sprachliche Kennzeichnung von „gesehen“, „gehört“ oder „erschlossen“ erscheint, geraten Wahrnehmung ohne Äußerung, vorsprachliche Wahrnehmung und ihre leiblichen Bedingungen aus dem Blick. | Evidentialität kann sprachlich anzeigen, worauf eine Aussage beruht. Sie ist ein Zugang zur sprachlichen Darstellung von Erkenntnisquellen, nicht die Wahrnehmung selbst. |
| Wissen ist nicht epistemische Modalität. | Wissen ist ein weiter philosophischer und alltäglicher Begriff, dessen genaue Analyse umstritten ist. Epistemische Modalität ordnet Aussagen als möglich oder notwendig relativ zu einer Informations- oder Wissensgrundlage ein. | Wenn Wissen als Liste von Wörtern wie vielleicht, wohl oder muss beschrieben wird, wird ein sprachliches Ausdrucksmittel mit dem Erkenntnisbegriff verwechselt. | Epistemische Modalität macht sprachlich sichtbar, wie eine Aussage relativ zu Informationen, Annahmen oder Überzeugungen bewertet wird. Sie sagt für sich genommen nicht, ob jemand tatsächlich weiß oder gerechtfertigt ist. |
| Imagination ist nicht Deixis am Phantasma. | Imagination bezeichnet weit mehr als sprachliches Zeigen: Vorstellungen, Bilder, Szenarien und Möglichkeiten können auch nichtsprachlich entstehen. Deixis am Phantasma bezeichnet bei Bühler eine besondere Art, in einem vorgestellten oder abwesenden Anschauungsraum zu zeigen. | Wenn jede sprachlich erzeugte Vorstellung als Deixis am Phantasma gilt, wird eine bestimmte Zeigeoperation zum Ersatz für die umfassendere Fähigkeit des Vorstellens. | Deixis am Phantasma ist ein möglicher sprachlicher Weg, Vorstellungen räumlich und perspektivisch zu organisieren. Bühler beschreibt in seiner Sprachtheorie (1934) die Beweglichkeit des Zeigens über die unmittelbare Sprechsituation hinaus. |
| Ontologie ist nicht bloß Taxonomiebildung. | Ontologie fragt, was es gibt, welche Arten von Seiendem angenommen werden und wie diese zueinander stehen. Eine Taxonomie ordnet Gegenstände oder Begriffe in Klassen und Hierarchien. | Wenn Ontologie auf ein Klassifikationsschema reduziert wird, verschwinden Fragen nach Existenz, Abhängigkeit, Identität und danach, ob die Kategorien die Wirklichkeit entdecken oder mit hervorbringen. | Taxonomien können ontologische Annahmen ausdrücken und operationalisieren. Sie sind Modelle oder Ordnungen innerhalb einer Ontologie, nicht deren vollständiger Ersatz. |
| Repräsentation ist nicht automatisch Semiose. | Repräsentation ist ein weiter Ausdruck für das Stehen, Darstellen oder Eintreten von etwas für etwas anderes. Bei Peirce bezeichnet Semiose die Zeichenwirkung als triadischen Zusammenhang von Zeichen, Objekt und Interpretant. | Wenn jede Darstellung ohne weitere Prüfung „Semiose“ heißt, wird Peirces spezifisches Prozessmodell zu einem allgemeinen Synonym für Zeichen oder Abbildung. | Repräsentation kann Teil einer semiotischen Beziehung sein. Ob und wie sie als Peirce’sche Semiose beschrieben werden sollte, hängt davon ab, ob die triadische Vermittlung mitgedacht und begründet wird. |
Die fünf Grenzlinien im Gebrauch
1. Wahrnehmung und Evidentialität
„Ich sehe Rauch“ beschreibt zunächst einen Wahrnehmungsbericht. In „Es muss dort brennen“ wird aus einem Hinweis eine Schlussfolgerung; „Man sagt, dort brenne es“ kennzeichnet eine überlieferte Information. In jeder Äußerung wird eine Beziehung zwischen Aussage und Erkenntnisgrund sprachlich gestaltet. Das ist der Bereich, in dem evidentiale Mittel relevant werden.
Die Unterscheidung ist wichtig, weil nicht jede Sprache die Quelle einer Information grammatisch verpflichtend markiert. Auch Sprachen ohne ein obligatorisches Evidentialsystem können Quellen mit Wörtern, Konstruktionen oder dem Gesprächskontext ausdrücken. Die linguistische Kategorie darf daher nicht unbesehen mit dem menschlichen Vermögen zu sehen, hören oder wahrzunehmen gleichgesetzt werden. In der typologischen Forschung wird Evidentialität als sprachliche Kennzeichnung von Informationsquellen untersucht; ihre Beziehung zu epistemischer Modalität ist eng, aber nicht schlicht identisch.[1]
2. Wissen und epistemische Modalität
Vergleichen wir: „Sie ist angekommen“, „Sie ist wohl angekommen“ und „Sie muss angekommen sein“. Die Sätze beziehen sich möglicherweise auf denselben Sachverhalt, unterscheiden sich aber darin, wie der Sprecher ihn behauptet und welche Schlüsse er zulässt. Wohl und muss machen eine Einschätzung hörbar. Sie bilden nicht das Wissen als Ganzes ab.
Epistemische Modalität betrifft Möglichkeiten und Notwendigkeiten unter bestimmten Informationsbedingungen: Was kann angesichts dessen, was wir wissen oder annehmen, wahr sein? Was muss daraus folgen? Die Antwort hängt davon ab, welche Informationen als relevant gelten und wessen Wissensstand maßgeblich ist. Der philosophische Wissensbegriff umfasst zusätzliche Fragen – etwa nach Wahrheit, Rechtfertigung, Irrtum und dem Verhältnis von Wissen und Überzeugung. Ein modaler Ausdruck kann diese Fragen nicht für sich entscheiden.[2]
3. Imagination und Deixis am Phantasma
Eine Leserin kann sich eine leere Straße vorstellen, ohne innerlich einen festen Standort einzunehmen. Eine Erzählung kann außerdem eine Atmosphäre oder eine mögliche Zukunft entwerfen, ohne hier, dort, jetzt oder damals als perspektivischen Zeigepunkt zu organisieren. Umgekehrt kann eine Erzählung uns in eine vorgestellte Szene hineinsetzen: „Du stehst nun vor dem Tor. Links liegt der Garten; dort, hinter der Mauer, beginnt der Weg.“
Hier wird die Vorstellung durch ein deiktisches Zentrum geordnet. Das Zeigen löst sich von der realen Position des Sprechers und richtet sich auf einen vorgestellten Raum. Das erklärt einen besonderen sprachlichen Mechanismus – nicht die ganze Imagination. Bühler nennt eine solche Form des Zeigens „Deixis am Phantasma“; die genaue Analyse muss jeweils prüfen, ob tatsächlich ein deiktischer Zeigraum aufgebaut wird oder ob Sprache lediglich eine Vorstellung anregt.[3]
4. Ontologie und Taxonomie
Ein Bibliothekskatalog ordnet Bücher nach Themen und Gattungen. Eine biologische Klassifikation gruppiert Lebewesen nach ausgewählten Merkmalen. Beide Ordnungen machen Unterschiede sichtbar; keine beantwortet allein, was letztlich existiert oder welche Einteilung der Wirklichkeit angemessen ist.
Taxonomien sind nicht neutral: Ihre Kategorien machen bestimmte Ähnlichkeiten wichtig und andere nebensächlich. In einer Ontologie stehen jedoch auch die Voraussetzungen dieser Ordnung zur Debatte. Gibt es die angenommenen Arten von Gegenständen unabhängig von unserer Klassifikation? Sind Beziehungen ebenso grundlegend wie Dinge? Welche Kriterien bestimmen Identität und Fortbestand? Die Philosophie kennt konkurrierende Antworten; gerade deshalb wäre es irreführend, Ontologie mit dem bloßen Sortieren von Begriffen gleichzusetzen.[4]
5. Repräsentation und Semiose
Eine Karte repräsentiert ein Gebiet. Eine rote Warnleuchte steht für einen Zustand, der geprüft werden muss. Bei Peirce lässt sich die Zeichenwirkung genauer als Relation auffassen, in der ein Zeichen auf ein Objekt bezogen ist und für einen Interpretanten Bedeutung gewinnt. Der Interpretant ist dabei nicht einfach eine Person, sondern die vermittelnde Deutung oder Wirkung, durch die das Zeichen als Zeichen funktioniert.[5]
Damit wird die Zeichenbeziehung als Prozess beschreibbar: Ein Zeichen verweist nicht bloß starr auf ein Objekt, sondern wird in einer Deutung wirksam. Das ist ein möglicher theoretischer Rahmen für Repräsentation. Der weitere Begriff kann jedoch auch Verhältnisse bezeichnen, die nicht ohne Weiteres Peirces Modell entsprechen. Wer beides gleichsetzt, lässt die theoretische Entscheidung unsichtbar werden.
Wie eine Anwendung den Begriff ersetzen kann
Die Verschiebung geschieht oft schrittweise und ohne bewusste Absicht:
- Ein weiter Begriff wird zu einer konkreten Frage. Wir wollen etwa untersuchen, wie Sprecher markieren, woher eine Information stammt.
- Dafür wählen wir ein beobachtbares sprachliches Mittel. Wir erfassen beispielsweise grammatische Marker oder Ausdrücke wie „ich habe gehört“.
- Das Mittel wird zur Arbeitsdefinition. Für die Untersuchung gilt dann: Wir operationalisieren den Aspekt über solche Formen.
- Die Arbeitsdefinition wandert in die Erklärung zurück. Aus „Wir untersuchen eine sprachliche Seite des Wahrnehmens“ wird „Wahrnehmung ist Evidentialität“.
- Der verbleibende Rest verschwindet aus dem Blick. Nichtsprachliche, leibliche, soziale oder philosophische Fragen werden nicht widerlegt; sie sind nur in diesem Zugriff nicht erfasst.
Das ist keine bloße Wortwahl. Eine Messgröße kann den Gegenstand so handlich machen, dass man sie schließlich für den Gegenstand selbst hält. Was sich zählen lässt, bekommt dann den Anschein, das Ganze zu sein. Die Anwendung gewinnt Klarheit und verliert zugleich Reichweite.
Wie wir die Ersetzung vermeiden
Für den Atlas hilft eine kleine Prüfroutine. Bei jeder Verbindung zwischen einem Grundbegriff und einem sprachlichen Phänomen fragen wir:
- Welche Ebene wird beschrieben? Eine Fähigkeit, ein philosophischer Begriff, eine sprachliche Form, eine kommunikative Handlung oder ein Ergebnis einer Analyse?
- Welche Art von Beziehung liegt vor? Teilbereich, sprachliche Realisierung, Beispiel, Operationalisierung, Analogie oder theoretische Deutung?
- Was bleibt außerhalb dieser Anwendung? Welche Fälle würden zum weiteren Begriff gehören, aber in der gewählten Analyse nicht erfasst?
- Welche Gegenprobe zeigt die Grenze? Können wir einen Fall bilden, in dem der Grundbegriff vorliegt, die vermeintlich gleiche Anwendung aber nicht?
- Wessen Theorie wird vorausgesetzt? Besonders bei Ontologie, Semiose und epistemischer Modalität sollte erkennbar sein, ob ein allgemeiner Gebrauch oder ein bestimmtes theoretisches Modell gemeint ist.
So kann eine Formulierung den Zusammenhang sichtbar machen, ohne die Ebenen zu verschmelzen: „Evidentialität ist ein sprachliches Mittel, mit dem Informationsquellen markiert werden; sie bildet Wahrnehmung nicht insgesamt ab.“ Oder: „Deixis am Phantasma ist eine sprachliche Organisation vorgestellter Räume und damit ein möglicher, begrenzter Zugang zur Imagination.“
Was die Satzanfänge mit uns machen
Der Satz „X ist nicht Y“ klingt wie eine Grenzziehung. Er kann eine nützliche Korrektur sein, wenn ein Teilbereich fälschlich für das Ganze steht. Doch derselbe Satz kann auch zu hart gelesen werden: als gäbe es keinerlei Verbindung. Deshalb muss auf die Grenze eine Beziehungsaussage folgen. Das Kapitel sagt nicht „Wahrnehmung hat nichts mit Evidentialität zu tun“, sondern: „Evidentialität ist eine sprachliche Dimension, in der bestimmte Erkenntnisquellen sichtbar werden.“
Auch die Fortsetzung nach „sondern“ lenkt die Aufmerksamkeit. Sie bestimmt, was als entscheidender Unterschied gelten soll. Ein und derselbe Anfang kann in verschiedene Denkbahnen führen:
| Satzanfang | Fortsetzung A: Blick auf die umfassendere Ebene | Fortsetzung B: Blick auf eine sprachliche Anwendung | Fortsetzung C: Blick auf eine offene Grenze |
|---|---|---|---|
| Wahrnehmung ist nicht Evidentialität, sondern … | ein leiblich-bewusster Weltkontakt, der nicht erst mit einer Äußerung beginnt. | ein Erfahrungsbereich, dessen sprachliche Darstellung kenntlich machen kann, ob etwas gesehen, gehört, erschlossen oder berichtet wurde. | ein Erfahrungsfeld, von dem die sprachliche Markierung einer Erkenntnisquelle nur einen Ausschnitt erfasst. |
| Wissen ist nicht epistemische Modalität, sondern … | ein weiter Erkenntnisbegriff, bei dem Wahrheit, Gründe und möglicher Irrtum zur Debatte stehen. | ein Bezugspunkt, zu dem epistemische Modalität Möglichkeit und Notwendigkeit einer Aussage in Beziehung setzt. | ein Feld, dessen sprachliche Darstellung für sich genommen noch keine philosophische Rechtfertigung liefert. |
| Imagination ist nicht Deixis am Phantasma, sondern … | die weiter gefasste Fähigkeit, Abwesendes, Mögliches oder noch nicht Wirkliches vorzustellen. | ein Vorstellungsraum, den Sprache unter bestimmten Bedingungen durch Deixis strukturiert. | ein Feld, zu dem auch Bild, Stimmung und nichtsprachliche Vorstellung gehören. |
| Ontologie ist nicht bloß Taxonomiebildung, sondern … | die Frage nach Arten des Seienden und ihren Beziehungen. | eine Untersuchung, die auch prüft, welche Annahmen eine Klassifikation über die Welt enthält. | ein offenes philosophisches Feld, das Klassifikationen nicht abschließend entscheiden. |
| Repräsentation ist nicht automatisch Semiose, sondern … | ein weiter Begriff für unterschiedliche Formen, in denen etwas für etwas anderes stehen oder es darstellen kann. | im Peirce’schen Modell ein Zeichenprozess, in dem Zeichen, Objekt und Interpretant triadisch zusammenwirken. | eine Relation, deren Analyse erst klärt, ob das triadische Prozessmodell angemessen ist. |
Diese Fortsetzungen sind keine austauschbaren Definitionen. Jede setzt einen anderen Schwerpunkt: Erfahrung, sprachliche Form, Theorie, Grenze oder gesellschaftliche Folge. Eine Aussage kann dadurch präziser werden; sie kann aber auch unbemerkt verengen. Gerade das kleine Wort sondern zeigt, dass begriffliches Denken nicht nur Inhalte sammelt. Es ordnet, kontrastiert und gewichtet.
Eine sprachliche Gegenprobe
Man kann die Grenzlinien testen, indem man die beiden Seiten auseinanderzieht:
- Eine Person nimmt Schmerz wahr, sagt aber nichts dazu: Wahrnehmung ohne sprachliche Evidentialitätsmarkierung.
- Eine Person sagt „Es könnte morgen regnen“, ohne es zu wissen: epistemische Möglichkeit ohne Wissen als gesicherten Zustand.
- Jemand stellt sich eine Melodie oder Farbe vor, ohne eine Szene mit einem deiktischen Zentrum aufzubauen: Imagination ohne Deixis am Phantasma.
- Zwei Taxonomien können denselben Bestand nach unterschiedlichen Kriterien gliedern: Die Gliederung allein entscheidet nicht, welche Kategorien ontologisch grundlegend sind.
- Ein Bild kann etwas darstellen; ob es als Peirce’sche Semiose analysiert wird, verlangt eine genauere Beschreibung der Zeichenrelation und der möglichen Interpretation.
Die Gegenprobe bewahrt den Begriff vor dem Zusammenfallen mit seinem bevorzugten Beispiel. Sie zeigt, was die Anwendung erklärt und was sie offenlässt.
Der methodische Ertrag für den Atlas
Der Atlas untersucht sprachliche Bewegungen, aber er soll aus der Beobachtbarkeit einer Bewegung keine falsche Vollständigkeit ableiten. Ein sprachliches Mittel kann einen umfassenden Begriff erhellen, ohne ihn zu erschöpfen. Ein philosophischer Begriff kann eine Analyse orientieren, ohne schon eine linguistische Kategorie zu sein. Und eine theoretische Tradition – etwa Peirces Semiotik oder Bühlers Sprachtheorie – kann ein Phänomen besonders gut beschreiben, ohne zum einzigen möglichen Rahmen zu werden.
Darum führt der Atlas Begriffe nicht allein über Ähnlichkeit zusammen. Er benennt, ob zwei Einträge miteinander verwandt sind, ob einer eine sprachliche Realisierung des anderen darstellt, ob ein Begriff eine Theorie voraussetzt oder ob ein Beispiel nur einen Ausschnitt beleuchtet. Diese Unterscheidungen machen das Netz genauer und geben Leserinnen und Lesern die Möglichkeit, einen Gedankenweg nachzuvollziehen und an seiner Grenze anzuhalten.
Die fünf Grenzsätze lassen sich deshalb als Arbeitsregel lesen: Ein Anwendungsfall darf einen Begriff erschließen; er darf ihn nicht stillschweigend aufbrauchen. Wo der Atlas vom weiten Begriff zur konkreten sprachlichen Operation wechselt, macht er diesen Schritt sichtbar. So bleibt die Bewegung lehrreich, ohne dass ihre Reichweite überschätzt wird.
Im Grundlagenweg folgt darauf die Erklärung der vier Eintragsfunktionen und der drei Aufnahmegründe. Diese Kennzeichnungen beantworten, welche redaktionelle Aufgabe ein Profil erfüllt und warum es aufgenommen wird. Die fünf Grenzsätze beantworten eine andere Frage: Wie weit reicht eine konkrete Anwendung, und an welcher Stelle muss die Analyse den größeren Begriff offenhalten?
Quellen und begriffliche Bezugspunkte
- Alexandra Y. Aikhenvald: Evidentiality (2004) · Alexandra Y. Aikhenvald: Evidentiality, Annual Review of Anthropology
- Epistemic Modality, Internet Encyclopedia of Philosophy
- Karl Bühler: Sprachtheorie (1934), bibliographic record · Karl Bühler: Theory of Language, John Benjamins
- Metaphysics, Stanford Encyclopedia of Philosophy · Categories, Stanford Encyclopedia of Philosophy
- Peirce’s Theory of Signs, Stanford Encyclopedia of Philosophy · Charles S. Peirce: MS 634.23–28 (1909), Arisbe transcription
Die fünf Grenzsätze und die Prüfroutine sind atlasmethodische Formulierungen. Sie sind keine wörtlichen Lehrsätze der genannten Autorinnen und Autoren.